von Marcel Dams

 

Als ich vor vier Jahren meine HIV-Diagnose bekommen habe, bin ich erst nach ein paar Wochen wieder in die Szene gegangen. Vorher habe ich mich nicht getraut, weil ich Angst hatte, dass man mir den Virus ansieht oder es sich herum spricht und ich ausgegrenzt werde.

In der Tat ist es dazu gekommen, dass ich angefeindet wurde. Positiven wird oft zugeschrieben, dass die selber schuld an ihrer Infektion seien. Bei manchen gelten sie als dumm, Schlampen oder verantwortungslos.

Mein Negativhighlight war der Besuch einer Kneipe. Zu dieser Zeit waren gerade meine Anzeigen als „Ich weiss was ich tu“-Rollenmodell veröffentlicht worden und ich in den meisten schwulen Zeitschriften als offen Positiver zu sehen. Da kam jemand auf mich zu und sagte mir, dass er mir am liebsten aufs Maul hauen wolle. Auf meine verwirrte Reaktion und die Nachfrage, warum dies so sei, antwortete er: „Wegen Leuten wie Dir denkt die Gesellschaft, dass alle Schwulen positiv sind. Du bist ein schlechtes Vorbild und wirfst ein dunkles Licht auf die Szene. Und dann regen wir uns über Diskriminierung auf. Kein Wunder bei Leuten wie Dir. Aber fick Dich ruhig weiter durch die Gegend.“

Endlich kennen wir die Wurzel allen Übels. Für Ausgrenzung und Ungleichbehandlung von Schwulen, Lesben und allen anderen sexuellen Minderheiten sind nicht diejenigen verantwortlich, die diskriminieren. Es sind böse, dumme HIV-positive Schwule, die sich falsch verhalten haben. Wenn doch alle so schlau, monogam und brav wären wie er.

In den letzten Monaten ist die Debatte um die Öffnung der Ehe und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare so richtig entbrannt. Mittlerweile berichten auch die großen Mainstreammedien, überwiegend positiv, regelmäßig über das Anliegen der Gleichstellung.

Gleichstellung beinhaltet das Wort „Gleich“. Damit gemeint ist, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* Personen gleich behandelt werden sollen. Auffällig ist aber, dass in vielen Diskussionen immer wieder auch davon gesprochen wird, dass wir gleich sind. Sind wir dies? Ich sage: Nein! Und genau das ist kein Nachteil!

Die einen mögen Fußball, die anderen Kunst. Manche sind an den neuesten modischen Trends interessiert, andere verbringen ihre Zeit mit Sport. Für einige ist das alles was. Es gibt junge und alte, tuntige und spießige, laute und leise, monogame und polygame und eben auch HIV-positive und HIV-negative unter uns.

Birgt es eventuell auch Risiken, wenn wir immer davon sprechen gleich zu sein? Was ist mit Lebensweisen, die von der Norm abweichen? Wie viel Vielfalt kostet es uns, wenn wir Gleichheit in den Vordergrund stellen? Gleiche Rechte für alle! Selbstverständlich, aber nicht nur für die, die heiraten oder Kinder wollen. Sondern auch für die, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen.

Positive, Behinderte, Schlampen, Schwuchteln, Migranten, Tunten und Fette sollten sich zusammen tun und klar stellen, dass niemand sie beleidigt. Vor allem nicht, weil sie anders sind als die angebliche Norm.

Schluss also mit der Aufteilung in gute und schlechte Schwule! Diese Trennung hat uns schon zu oft selbst stigmatisiert! Wir spiegeln den Scheiß, bis ihr endlich merkt, dass ihr kein Recht habt, uns etwas zuzuschreiben. Nehmen euch weg, was euch nicht zusteht: Ein Urteil über uns. Diese Schubladen sind allein euer Problem.

Die gegenseitige Zerfleischung spielt nur den falschen, den Homophoben, in die Hände. Positiv zu sein ist kein Verbrechen, kein Grund für Scham und keine Folge von Dummheit. Risiken bestehen immer. Eine selbstbestimmte Sexualität ist nicht verantwortungslos, sondern das Recht des Einzelnen. Ihr schränkt uns nicht ein!

Foto: IWWIT