Wyndham, du hast zum Welt-Aids-Tag 2013 Deine eigene Aufklärungskampagne ins Leben gerufen. Was hat es damit auf sich?
Ich nenne die Aktion #CHANGETHEFACE: Verändere das Gesicht. Es geht mir um den Wandel des Gesichts von HIV, beziehungsweise_stereotyper Vorstellungen, die Viele von Positiven im Kopf haben.

Woher kommt dein Sendungsbewusstsein?
Nachdem ich im Oktober 2012 die positive Diagnose bekommen habe, hab ich mich in Berlin nach Orten und Gruppen umgeguckt, wo ich hingehen kann und mich aufgehoben fühle. Ich wollte mehr über das Leben mit der Infektion erfahren und andere Leute in meinem Alter treffen. Solche Orte hab ich nicht gefunden. Ich glaube, dass das vielen jüngeren Leuten so geht. Das führt dann dazu, dass sie sich zurückziehen und in der Außenwirkung von HIV-Positiven nicht vorkommen. Was wiederum zu dem Missverständnis führt, dass Viele denken, junge, gesund aussehende Leute könnten nicht positiv sein. Diesen Fehlglauben kenne ich von mir selbst. Ich habe mich auch infiziert, weil ich mir eingebildet habe, HIV hätte mit mir nichts zu tun.

Du dachtest, HIV hätte mit dir nichts zu tun?
Ja, das war ganz komisch. Ich hab mich zwar für die statistischen Aspekte von HIV interessiert und seit ich 18 war routinemäßig alle drei Monate testen lassen, aber trotzdem dachte ich, dass ich zu einer Gruppe privilegierter junger Schwuler gehöre, denen HIV nicht passiert. Meine Ärzte in den USA haben dazu beigetragen. In New York, wo ich vor meinem Umzug nach Berlin gelebt habe, haben die Ärzte mir erzählt, dass sich vor allem Latinos und Schwarze infizieren. Als Weißer habe ich mich also nicht zur Risikogruppe gezählt. Im Nachhinein ist mir klar, dass das superrassistisch und supernaiv war, aber es verdeutlicht, wie nötig die #CHANGETHEFACE -Kampagne ist.

Heißt das, Safer Sex war dir damals egal?
Nein, ich hab eigentlich schon darauf geachtet, dass alles safe läuft. Aber durch meine stereotypen Vorstellungen im Hinterkopf, war ich ziemlich vertrauensselig. Ich weiß, wo ich mich infiziert habe, will das hier aber nicht weiter ausführen. Nur so viel: Es hatte mit dem blinden Vertrauen zu tun, dass Menschen verantwortungsvoll miteinander umgehen. Auch so ein Fehlglaube, dem man sich nicht hingeben sollte. Man kann sich nur auf sich selbst verlassen.

Du bist von Anfang an total offen mit der Diagnose umgegangen. Die erste Person, der du davon erzählt hast, war deine Chefin. Hattest du keine Angst vor Zurückweisung?
Ich war einfach so schockiert, dass ich aussprechen musste, was los war. Das hat mit meiner Mentalität zu tun und sicher auch damit, dass ich Amerikaner bin. Ich wurde dazu erzogen direkt zu sein und ich bin es gewohnt, meine Persönlichkeit auszuleben. In den ersten Tagen nach der Diagnose war es für mich ganz natürlich meinen Kollegen, Freunden und meiner Familie zu erzählen, dass mir da gerade ein ziemlicher Hammer passiert ist. Die Leute hätten sonst überhaupt nicht verstanden, warum ich so durcheinander war.

Hast du die Offenheit je bereut?
Nein. Ohne die Unterstützung und das Verständnis, die ich von allen Seiten erfahren habe, hätte ich das alles nicht durchgestanden.

Hat sich dein Lebensstil durch die Infektion verändert?
Definitiv. Ich habe viel über mich selbst gelernt. Ich erkenne besser, wenn in meiner Psyche oder meinem Körper etwas falsch läuft, und kann dementsprechend etwas ändern. Ich weiß wer ich bin, wo ich hin will, was ich erreichen will. Und es ist mir wichtig, das Leben nicht nur zu genießen, sondern auch wertzuschätzen.

Das Titelthema dieser M+-Ausgabe ist „HIV & Sport“. Beim Recherchieren ist uns aufgefallen, dass viele Positive durch die Infektion ein erhöhtes Körperbewusstsein entwickeln. Kannst du das bestätigen?
Ich bin dafür selbst ein gutes Beispiel. Bevor ich die Diagnose bekommen habe, war ich ein ziemliches Partytier. Ich war neu in Berlin und hab all das getan, was andere junge Schwule in so einer Situation tun: Party, Alkohol, Drogen, Rauchen und Fitness ohne Plan. Unmittelbar nach der Diagnose hat sich daran erst mal nichts geändert, aber als ich vier Monate später mit der Kombitherapie angefangen habe, hab ich mit den Drogen aufgehört, um Wechselwirkungen mit den Medikamenten zu vermeiden. Dann habe ich gemerkt, dass es mir ohne Drogen viel besser ging, also hab ich zusätzlich meinen Alkoholkonsum eingeschränkt und irgendwann auch das Rauchen sein lassen. Außerdem habe ich meine Trainingsgewohnheiten umgestellt und trainiere seitdem nicht mehr abends sondern morgens. Dadurch hat sich alles verändert. Inzwischen ist mein Fitnessplan fast ein bisschen verrückt. Ich mache dreimal die Woche Cross-Fit und zweimal normales Fitness-Training. Das erfordert ein bisschen Disziplin, aber ich fühle mich dadurch gut und stabil. Sonst hätte ich gar nicht den Mut in dieser Form an die Öffentlichkeit zu gehen.

Wie geht es in Zukunft mit #CHANGETHEFACE weiter?
Als ich mit dem Projekt vor sechs Monaten angefangen habe, hatte ich keine Ahnung, dass ich dadurch so eine riesige Resonanz hervorrufen würde. Ich bekam Zuschriften aus aller Welt, was mich ziemlich umgehauen, aber auch sehr motiviert hat. Meine neue Website changetheface.org verstehe ich als kreatives Spielfeld für alle, die sich – unabhängig von ihrem HIV-Status – für inspirierende Geschichten rund um das Thema HIV und Aids interessieren. Mein Ziel ist es, die schöne Wahrheit zu vermitteln, dass positiv positiv sein kann.

Foto: privat

www.changetheface.org