Die 20. Welt-Aids-Konferenz in Melbourne war kleiner als die vorangegangenen, doch sie hatte eine starke Botschaft: Schluss mit der Diskriminierung! Nach dem Abschuss von MH17 rückte die internationale Community enger zusammen. Ein Fazit von Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe

 

Die Chancen, dass die Strahlkraft der 20. Welt-Aids-Konferenz wirklich etwas verändert, stehen gut. Die Konferenz hatte eine starke politische Botschaft: HIV-Prävention gelingt nur, wenn die Menschenrechte geachtet werden, Diskriminierung ist Gift für unser gemeinsames Ziel, diese Epidemie zu beenden. Diese Auffassung war hier in den Plenarveranstaltungen Konsens, und die Botschaft wurde von den Medien aufgegriffen.

Das ist durchaus bemerkenswert, haben wir doch noch vor zwei Jahren in Washington eine Überbetonung des Medizinischen beklagt, den Glauben, die Welt könnte sich aus dieser Epidemie heraustherapieren.

„Wir aus dem Westen neigen dazu zu vergessen, wie privilegiert wird sind“

Ob die Botschaft von den Menschenrechten, von Würde und Respekt wohl auch in Ländern wie Russland und Nigeria ankommt? Aktivisten aus diesen Ländern hier zu treffen, hat uns beeindruckt. Sie fahren zurück ins Feindesland. In ihr eigenes Land, in dem sie als Schwule, Drogenkonsumenten, Transsexuelle oder HIV-Positive täglich von Gewalt bedroht sind.

„Wir aus dem Westen neigen dazu, zu vergessen, wie privilegiert wird sind“, sagt der US-amerikanische HIV-Aktivist John Manwaring, der in Melbourne lebt und eine Rede bei der Abschlussveranstaltung gehalten hat. „In Nigeria kann es lebensbedrohlich sein, sich als positiv zu outen. Es geht zu Herzen zu sehen, wie Menschen hier auf die HIV-Epidemie reagieren.“

Kongresspräsidentin und HIV-Mitentdeckerin Francoise Barré-Sinoussi erzählt bei der Abschlusspressekonferenz eine Geschichte: Mit einem befreundeten Forscher sei sie durch das Global Village spaziert. Der sei beeindruckt gewesen von der Lebendigkeit und dem Engagement der Menschen dort. „Jetzt begreife ich, was du immer meinst, wenn du von ‚HIV-Community‘ redest“, habe er gesagt.

„Die Konferenz soll den Wissenschaftlern deutlich machen, für wen sie arbeiten“

„Die Aids-Konferenz ist auch dafür da, den Wissenschaftlern deutlich zu machen, für wen sie arbeiten“, kommentiert Barré-Sinoussi in der Pressekonferenz. Man möchte hinzufügen: So eine Konferenz kann deutlich machen, dass es um Menschen geht. „Menschen wie wir, nur mit anderen Vorlieben“, so formulierte es Olive Shisana, die Präsidentin der nächsten Welt-Aids-Konferenz.

Mehr als 13.000 Delegierte aus rund 200 Ländern haben nach Angaben der Veranstalter an der Konferenz in Melbourne teilgenommen, 6.000 besuchten zusätzlich den Community-Bereich Global Village. Trotzdem war diese Konferenz im Vergleich zu anderen Welt-Aids-Konferenzen deutlich kleiner. Im Global Village war das Interesse an den ersten beiden Tagen groß, dann flaute es deutlich ab.

Für viele Europäer war der Weg nach down under offenbar zu weit, mit neun Leuten waren wir eine der größten Delegationen, viele Länder waren gar nicht vertreten. Einige Delegierte aus Osteuropa und Asien haben wohl keine Visa erhalten – jedenfalls blieb mancher bereits beschriftete Stand im Global Village leer.

Keine Sensationen, aber einige bemerkenswerte Neuigkeiten

Enttäuschend auch der Mangel an Themen, die als Schwerpunkte dieser Konferenz gehandelt worden waren, wie etwa Drogen und Haft. Im Global Village waren sie umso stärker vertreten (siehe auch Aidshilfe-Ticker-Eintrag „Vom Star zum Statisten“). Dazu trugen auch unsere Flugblätter mit den provokanten Claims „Heroin can save lives“ und „Shooting up can be a clean deal“ bei. (Zu Deutsch: „Heroin kann Leben retten“, „Drogen spritzen kann eine saubere Sache sein“; mehr Informationen: www.wusstensie.aidshilfe.de).

Inhaltlich gab es keine Sensationen, aber einige bemerkenswerte Neuigkeiten. Da ist zum einen der Fortschritt bei der „Kick and kill“-Strategie, die zur Heilung der HIV-Infektion beitragen soll: Dänische Forscher haben es geschafft, HIV aus der Reserve zu locken.

Aus der „combined prevention“ – ein Schlagwort aus Washington – ist hier die „tailored combined prevention“ (maßgeschneiderte kombinierte Prävention) geworden – die im Wesentlichen der „Strukturellen Prävention“ der Deutschen AIDS-Hilfe entspricht. Wir sind ein bisschen stolz darauf.

Trans*Menschen und Sexarbeiterinnen waren so präsent wie nie

Zwei weitere Highligts: Der Gesundheitsminister des australischen Bundesstaates Victoria, David Davis, hat versprochen, den Paragrafen 19a auf den Prüfstand zu stellen, der die HIV-Übertragung unter Strafe stellt. Trans*Menschen und Sexarbeiterinnen waren so präsent wie nie. Für die Trans*Fraktion war es spürbar ein Aufbruch. Sie forderte hier, als eigenständige Zielgruppe der Prävention ernst genommen zu werden. Dazu trug auch Emy Fem bei, eine Sexarbeiterin mit Trans*Hintergrund. Ihr Claim in unserer Kampagne sorgte an unserem Stand für besonders viel Aufmerksamkeit: „A blowjob doesn’t need to suck“ („Fairtrade gibt’s auch bei Blowjobs“).

Dies sind nur Schlaglichter, einige weitere sind im Ticker der Aidshilfe nachzulesen.

Die nächste Welt-Aids-Konferenz findet in zwei Jahren in Durban, Südafrika, statt. Die kommende Kongresspräsidentin Olive Shisana erinnerte heute morgen daran, dass bei der letzten Welt-Aids-Konferenz in Durban noch darüber diskutiert wurde, ob HIV der Erreger von Aids sei und ob man auch den afrikanischen Ländern Medikamente zur Verfügung stellen solle. Man befürchtete, die verbilligten Pillen könnten illegal nach Europa zurückgeschmuggelt werden. Das war im Jahr 2000.

Seit damals ist unglaublich viel passiert. 14 Millionen Menschen erhalten heute weltweit eine HIV-Therapie – und es werden immer mehr. Die Infektionszahlen in Afrika gehen zurück, die Todesfälle ebenfalls. Das macht Hoffnung, dass Länder sich von diesen Erfolgen mitreißen lassen und endlich die größte Hürde für weitere Erfolge, die Diskriminierung, aus dem Weg räumen.

„Wenn einer von uns verschwindet, betrifft uns das alle“

Die internationale Gemeinschaft wurde hier in Melbourne von Sir Bob Geldof eindrucksvoll ermahnt, auf den „letzten Metern“ ihrer Verpflichtung nachzukommen, die wirksamen Maßnahmen für alle Menschen zu finanzieren. Alle, die auf diese Ziele hinarbeiten, haben hier in Melbourne Kraft für diesen Weg tanken können.

Der tragische Beginn mit dem Abschuss des Fluges MH17, in dem mindestens sechs Konferenzteilnehmer saßen, stärkte am Ende das Gemeinschaftgefühl. „Wenn einer von uns verschwindet, betrifft uns das alle. Wir sind eine Einheit“, sagt Barré-Sanoussi.

Auf ein Wiedersehen 2016 in Durban!

 

Der Autor Holger Wicht ist Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe (DAH)

© Foto: International AIDS Society/Steve Forrest