UPDATE (9.10.2016) Der Aktivist Nicholas Feustel wurde am Samstag im Roten Rathaus von Berlin mit dem RED AWARD 2016 für seinen Kampf für die PrEP geehrt. Der Preis ist eine Auszeichnung für außerordentliches Engagement im Rahmen des Kampfes gegen HIV und AIDS. Preisträger in den Vorjahren waren u. a. Rita Süssmuth, Wolfgang Joop und Georg Uecker, der in diesem Jahr sein HIV-Coming-out hatte . Hier ein Interview, das Christian Mentz 2015 mit dem Hamburger Nicholas Feustel geführt hat.

Nicholas, Du engagierst Dich bei „AVAC – Global Advocacy for HIV Prevention“. Warum bist Du dabei?
Avac ist eine Organisation mit Hauptsitz in den USA, die sich für biochemische HIV-Prävention einsetzt. Es geht dabei um die Strategien, die wir außer Kondomen noch zur Verfügung haben, um HIV Übertragung zu verhindern. Ich persönlich möchte verhindern, dass in Deutschland Menschen, die sich für PrEP entscheiden, negativ stigmatisiert werden, bevor PrEP überhaupt hier verfügbar ist (seit Freitag, den 7. Oktober ist es in Deutschland erhältlich – MÄNNER-Archiv).

Ist Avac mit der Pharmaindustrie assoziiert?
Nein, überhaupt nicht.

Für wen käme PrEP denn Deiner Meinung nach in Frage? Nach der Empfehlung der WHO gab es viele Reaktionen wie „Nur weil ich schwul bin, muss ich doch keine HIV-Medikamente nehmen!“
Ja, das WHO-Statement wurde von ganz vielen Leuten falsch interpretiert. Die WHO sagt nicht, dass alle schwulen Männer PrEP nehmen sollen, sondern alle Schwulen sollen die Einnahme von Prep in Betracht ziehen. Wenn die WHO solche Empfehlungen herausgibt, sind das auch eher politische Statements als individuelle Handlungsanweisungen. In diesem Fall zielt die WHO wohl darauf ab, dass PrEP als Option durch die Gesundheitssysteme zur Verfügung gestellt wird, jetzt, da wir wissen, dass es funktioniert.

Es gibt eben viele, bei denen Kondome keinen Schutz bieten

Dennoch: Für wen käme PrEP konkret in Frage?
Hauptzielgruppe sind Menschen, die beim Analverkehr keine oder nicht immer Kondome verwenden. Es ist für die, die feststellen, dass Kondome für sie keine dauerhafte Lösung sind. Mit PrEP könnten sie dennoch die Entscheidung treffen, sich vor HIV zu schützen. Es gibt eben viele, bei denen Kondome keinen Schutz bieten. Sei es weil die Leute ganz einfach beim Sex mit Kondomen nicht können, sei es weil sie ihrem Partner ohne Latexbarriere nah sein wollen. Und wir wissen ja, dass viele der Neuinfektionen in angeblich monogamen Beziehungen geschehen. Und wenn wir mal an andere Weltgegenden außer des reichen globalen Nordens denken, zum Beispiel die Länder der Subsahara in Afrika, wo die HIV-Epidemie ja hauptsächlich heterosexuelle Menschen betrifft: Wenn es da Frauen nicht möglich ist, ihre Partner zur Verwendung von Kondomen zu bringen, könnte PrEP eine geeignete Schutzmöglichkeit darstellen.

Truvada ist seit dem 7. Oktober 2016 als PrEP in Deutschland zugelassen (Foto: Shutterstock.com/Marc Bruxelle)

Nun haben wir uns allerdings unterdessen mehr oder weniger an Kondome gewöhnt, oder? Warum die Strategie wechseln?
Ein Blogger in den USA hat mal geschrieben, „Unsere Eltern waren alles Barebacker, sonst wären wir nicht hier“. Man muss eben auch mal bedenken: Als HIV und Aids aufkamen, waren Kondome die einzige Möglichkeit Safer Sex zu haben, und das war ja auch sehr gut. Aber als Folge haben wir jetzt auch 30 Jahre lang eingebläut bekommen, dass nur die Schwulen „gut“ sind, die Sex mit Kondomen haben. Und Sex ohne Kondom ist böse, böse, böse. Nehmen wir mal an, es hätte beim Aufkommen von HIV und Aids bereits ein PrEP-Medikament gegeben. Wofür hätten sich die Leute wohl entschieden, das Kondom oder die Pille einmal am Tag? Es geht auch nicht darum, ob man eine „hedonistische Barebackschlampe“ ist, der alles egal ist, sondern darum, dass viele Menschen auf Dauer mit Kondomen keinen Schutz hinbekommen.

Wobei Kondome natürlich auch gegen andere Geschlechtskrankheiten schützen.
Ja, aber auch nur eingeschränkt, es werden ja viele Geschlechtskrankheiten auch beim Oralsex übertragen. Und wenn sich jemand, der Kondome ablehnt, mit PrEP wenigstens vor HIV schützt , ist das doch schon einmal eine ganze Menge. Und außerdem: Für ein neues PrEP-Rezept muss man alle drei Monate zum Arzt, und wird dort auf HIV, aber auch andere Krankheiten untersucht. Das heißt: Mit PrEP würden wir genau die Leute, die eventuell ein risikohaftes Sexualverhalten haben, dazu bekommen, regelmäßig zum Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen. Es gibt ja jetzt schon Studien, die sagen, dass HIV-Positive in einkommensstarken Ländern eine höhere Lebenserwartung haben, weil sie einfach regelmäßig zum Arzt gehen!

Aber dass zum Beispiel das Medikament Truvada Nebenwirkungen hat, lässt sich ja nicht leugnen.
Die Nebenwirkungen von Truvada können kurzfristig Magendarmprobleme sein, das taucht aber auch nicht bei allen auf und stellt sich nach einigen Wochen meist wieder ein. Langfristige Nebenwirkungen können Beeinträchtigungen der Nierenfunktion und Knochendichte sein. Aber nicht jeder zeigt diese Wirkungen und das schöne bei PrEP ist ja, dass man mit PrEP auch wieder aufhören kann. Dann normalisieren sich die meisten Nebenwirkungssymptome auch wieder. Wenn man sich allerdings mit HIV angesteckt hat und eine Therapie beginnt, läuft die Therapie eben ein Leben lang. Dann kann man Nebenwirkungen nicht mehr bekämpfen, indem einfach nicht mehr preppt.

Und wenn gegen PrEP mit den Nebenwirkungen argumentiert wird, muss man immer bedenken, dass preppen etwas anderes ist als eine HIV-Therapie. PrEP mit Truvada besteht aus zwei Wirkstoffen, normale Antiretrovirale Therapien setzen drei Wirkstoffe ein, also einen mehr der Nebenwirkungen haben kann. Und bei einer HIV -Therapie hat man eben auch noch HIV im Körper, auch das ist ein Gesundheitsaspekt, wenn es um die Nebenwirkungen geht. PrEP und HIV-Therapie sind zwei verschiedene Dinge.

Über die Langzeitwirkung dieser Mediamente ist naturgemäß noch nicht soviel bekannt, auch da liegt ein Risiko
Und natürlich wissen wir nicht, was PrEP für Langzeitwirkungen haben kann. Aber wie der Aktivist Peter Wiesner mal sagte: Wissen wir denn, was für Langzeitwirkung 20 Jahre Kondomgebrauch bedeuten? Was macht das mit unserer Psyche? Statt wirklich hemmungslosen Sex haben zu können, immer dieses: Oh, jetzt muss ein Kondom nehmen, und wenn ich es nicht mache, hab ich ein schlechtes Gewissen. Es gibt auch ein vielleicht unbewusstes moralisches Unbehagen darüber, dass schwule Männer ohne Kondome moralisch einwandfreien Sex haben könnten. Ich finde diese Überlegungen allerdings eigentlich irrelevant, denn wir wissen einfach, dass nicht immer alle Kondome benutzen, und diese Leute haben wir mit unserer Präventionsbotschaft „Ficken nur mit Kondom“ einfach 30 Jahre lang nicht erreichen können. Und denen können wir nun nochmal 30 Jahre Kondome empfehlen, sie tuns halt nicht. Wäre es nicht besser, ihnen eine Alternative anzubieten?

Warum ist immer nur von Truvada die Rede, gibt es keine anderen geeigneten PrEP-Medikamente?
Truvada ist das einzige, von dem wir aus vielen Studien wissen, dass es täglich eingenommen auch wirklich eine sehr hohe Schutzwirkung hat. Es gibt durchaus noch andere, aber Truvada ist das am besten geeignete. Momentan sind auch sogenannte long-lasting injectables in der Entwicklung, also Wirkstoff-Spritzen. Dann könnte PrEP bedeuten, dass man vielleicht nur einmal im Monat eine Spritze bekommt, oder alle drei Monate, und wäre vor HIV geschützt. Allerdings wird es wohl noch 10 Jahre dauern, bis das marktreif ist.

Für den Truvada-Hersteller, die Firma Gilead, scheint PrEP ja eine Goldgrube zu sein.
Geht so. Das Patent für Truvada läuft 2017 aus, danach könnte es Generika geben, zum Beispie von Ratiopharm. Das heißt die Preise gehen dann runter. Der PrEP -Markt ist für die Firma Gilead auch nicht wirklich spannend, denn es geht ja wie gesagt nicht darum, nun Millionen von Menschen zum preppen zu bringen, sondern es wird nur eine kleine Gruppe von Leuten sein, die feststellen, dass PrEP für sie die bessere Schutzmethode ist. Gilead macht auch weder Werbung für PrEP noch fördert sie zivilgesellschaftliche Initiativen, die PrEP promoten. Auch hinter den Studien, die Truvada als PrEP-fähig erkennen, steckt nicht Gilead, sondern dahinter stehen kluge Menschen, die sich fragen, was haben wir noch für Möglichkeiten, dieser Epidemie Herr zu werden. Die long-lasting injectables, die jetzt entwickelt werden, kommen auch nicht von Gilead, sondern dem Medikamentenhersteller GlaxoSmithKline.

Glaubst du PrEP wird auch in Europa eine Rolle spielen?
Wir müssen uns eingestehen: Wir bewegen uns hin zur Post-Kondom-Ära. Wer sie benutzen will, soll das ja tun, das ist vollkommen in Ordnung, aber es gibt eben auch viele Männer, die nach 20, 30 Jahren Kondomen einfach keinen Bock mehr haben. Oder viele Junge, die diese ganze Lebensbedrohung von HIV gar nicht mehr mitbekommen haben. Die sagen: Klar kennen wir die Filme von früher, aber so schlimm ist es doch heute nicht mehr, die Leute nehmen ihre Medikamente und es geht ihnen gut. Das ist ja auch das , was wir mit der ganzen Antistigma-Arbeit ja auch durchsetzen wollten: Leben mit HIV kann vollkommen ok sein. Die Forschung geht halt weiter, und wir wissen, dass die Wirkstoffe, die HIV-Positiven ein langes Leben bescheren, eben auch dafür sorgen können, dass sich Menschen gar nicht erst mit HIV anstecken können.

Titelbild: Christian Mentz