Unter dem Motto „HIV bewegt“ wanderte Phlippe Matern von Stuttgart bis nach Berlin.
Die Aktion erregte jede Menge Aufsehen. Wir ziehen mit Philippe ein erstes Fazit.

Du warst knapp drei Monate auf Achse, hast über 650 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Dein persönliches Resümee?
In 83 Tagen auf Wanderschaft musste ich achtmal im Freien übernachten, weil ich keine Unterkunft mehr gefunden habe, mir sind drei Hosen zerrissen, mein größter unfreiwilliger Umweg hat sechs Kilometer gedauert, ich hab rund 500 Flyer verteilt und 14 Zeitungen haben über mich berichtet. Das sind die Zahlen, die mir spontan einfallen. Vor allem aber bin ich dankbar und stolz, dass ich es ohne große Pannen geschafft habe. Für mich persönlich zählen vor allem die vielen ergreifenden Momente und tollen Begegnungen, die ich unterwegs hatte.

Du bist seit 28 Jahren positiv und wolltest mit der Aktion Aufmerksamkeit für das heutige Leben mit HIV erregen. Hat das geklappt?
Die Zeitungsartikel und Flyer haben sicher ein paar Menschen erreicht. Es haben auch ein Fernsehteam und verschiedene Radiosender über mich berichtet. Auf der Etappe bei Halle kam eine Rundfunkredakteurin angereist, um mich zwei Tage zu begleiten. Was will ich mehr? Ich muss aber sagen, dass es mir bei dem Ganzen auch wesentlich darum ging, die Infizierten selber zu stärken. Ich treffe immer wieder Positive, die sich durch die Diagnose niedergeschlagen und geschwächt
fühlen. Wenn nur ein paar von denen sehen, dass da ein anderer Positiver es schafft, einmal quer durch die Republik zu wandern, wenn sie dadurch neuen Mut schöpfen, wäre schon viel erreicht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ein gesundes Selbstvertrauen einen unbeschwerter und unangreifbarer macht.

Woher nimmst du Selbstvertrauen?
Ich bin Optimist. Das Leben ist für mich kein Problem, sondern schon die Lösung. Eigentlich war das schon immer so. Ein Beispiel: Als ich mit 19 meiner Mutter gesagt habe, dass ich schwul bin, bin ich zu ihr gegangen und meinte: „Du, Mama, ich geh mit Männern ins Bett.“ Erst guckte sie erstaunt, dann sagte sie: „Das kann doch nicht wahr sein.“ Ich hab geantwortet: „Wieso nicht? Tust du doch auch.“ Damit war das Thema durch. Ich war erleichtert, weil ich meine Mutter nicht mehr anlügen musste, außerdem hatte ich keine Angst mehr. Angst behindert alles.

Hast du auf Wanderschaft sofort allen Leuten die Hintergründe deiner Aktion erklärt?
Ja, das war ja Sinn der Sache. Außerdem trug ich ein „HIV bewegt“-T-Shirt, das für sich sprach. In Gesprächen war das dann immer eine Art Doppel-Coming-out – erst als HIV-Positiver, dann als Schwuler. Vielleicht entwaffnet diese Offenheit. Ich kann zwar nicht in die Köpfe der Leute reingucken, aber äußerlich gab es keine Probleme. Ich hab ein Pilgerbuch geführt, in dem ich Stempel und Unterschriften gesammelt habe. Aus den Einträgen spricht viel Anerkennung und Zuspruch. „Viel Erfolg“, „Tolle Aktion“, und so weiter. Ich hatte keine negativen Erfahrungen.

Wie lief es bei dir selbst gesundheitlich. Ging alles reibungslos?
Einmal ist mir ausgerechnet an einem Samstag eine Plombe rausgefallen, das hat meinen Zeitplan etwas durcheinandergebracht. Und bei Würzburg hab ich mir eine fiese Blase gelaufen. Das war’s. Weil ich vorher gut trainiert hatte, blieben Krämpfe oder Muskelkater aus. Meine Ernährung war aus Angst vor
Durchfällen sowieso sehr spartanisch.

Warum denn Angst vor Durchfällen?
Ganz einfach. Weil man unterwegs nicht immer auf die Schnelle ein Klo findet. Insofern waren meine Hauptnahrungsmittel in diesen drei Monaten Haferflocken mit Wasser, Bananen, Müsliriegel und Proteingetränke mit Schokoladengeschmack. Das Proteinpulver war wirklich wichtig. Nach Heilbronn hab ich es eine Zeitlang weggelassen und sofort zehn Kilo abgenommen. Für schwache Momente
hatte ich noch so ein Energy-Plus-Gel mit Koffein, Taurin und Calcium. Nach dem Zeug schafft man sogar noch zehn Kilometer, wenn man eigentlich schon völlig fertig ist.

Was wirst du als Erstes tun, wenn du wieder zu Hause bist?
Am Montag nach meiner Rückkehr gehe ich erst mal zum Arzt, lasse mir Massagen verschreiben und mich durchchecken. Ich bin sehr gespannt, wie meine Werte nach der Wanderung ausfallen. Ansonsten werde ich mit einer Freundin Portwein trinken, wieder ein bisschen malen und vielleicht Vegetarier werden.

Wir beschäftigen uns in unserer Herbst-Ausgabe neben HIV auch mit anderen STIs. Hast du dazu eine Meinung?
Es ist definitiv wichtig über die anderen Dinge zu sprechen. Zumal viele Infektionen aggressiver geworden und weiter verbreitet sind. Nimm Hepatitis C: Meines Wissens gibt es zehnmal mehr Hep-C-Patienten als HIV-Patienten in Deutschland. In dem Zusammenhang muss man aber auch über den ganzen Drogenkram reden. Manche Schwule nehmen ja alles durcheinander – Truvada, Penizillin, Poppers, Viagra. Dass man da den Überblick und vor allem die Sicherheit aus den Augen verliert, wird
niemanden wundern.

Interview: Christian Lütjens

Info:  Seit Philippe im Jahr 1996 seine positive HIV-Diagnose bekam, erlebte er diverse gesundheitliche Rückschläge, verlor aber nie den Mut. Er engagierte sich unter anderem für die Kampagne „Positive Stimmen“. Die Aktion „HIV bewegt“ setzte er mit Unterstützung der AIDS-Hilfe in seiner Heimatstadt Stuttgart um.