Der große Erfolg kam für Songwriter John Grant erst, als er anfing, sich in seiner Musik den eigenen Dämonen zu stellen – zu denen seit 2011 auch eine HIV-Infektion gehört. Ein Gespräch über Wut, Liebe und Beziehungen

John, bei unserem letzten Gespräch Ende 2013 sprachst Du über Selbstvorwürfe, die Du Dir infolge Deiner HIV-Infektion gemacht hast. Sind sie mittlerweile überwunden?
Ja, ich komme damit inzwischen sehr viel besser klar und denke nicht mehr so viel darüber nach wie früher. Ich konzentriere mich lieber darauf, zu leben, zu lieben, zu arbeiten und nach vorne zu schauen.

Also ist der Titel Deines neuen Albums „Grey Tickles, Black Pressure“ (eine englische Übersetzung des isländischen Ausdrucks für Midlife Crisis und des türkischen Ausdrucks für Albträume) kein Symbol für Deine aktuelle Gemütslage?
Zumindest nicht direkt. Da steckt viel Ironie und Witz drin. Aber der Titel hat schon einen ernsten Kern. Wenn man ins mittlere Alter kommt, in dem ich mich mit meinen 47 Jahren befinde, setzt man sich ja schon intensiver mit der eigenen Sterblichkeit auseinander.

Hat diese Auseinandersetzung mit HIV zu tun?
Nein, eigentlich nicht. Es geht eher um die generelle Herausforderung, seinen Frieden mit der Tatsache zu machen, dass man irgendwann sterben wird.

Hast Du die Infektion gut im Griff?
Ja, ich nehme Medikamente und bin unter der Nachweisgrenze. Die Medikamente haben manchmal Nebenwirkungen, die nicht so angenehm sind, aber das ist ein kleiner Preis, wenn man bedenkt, dass ich im Großen und Ganzen trotz dieser Krankheit in der Lage bin, ein Leben ohne Einschränkungen zu führen.

Unser letztes Interview endete mitder Ansage, dass Du bereit bist für eine neue Beziehung. Inzwischen hast Du eine. War HIV in diesem Zusammenhang ein Thema?
Ich bin mit meinem Freund mittlerweile seit fast zwei Jahren zusammen. Ich denke, das ist lang genug, um sagen zu können: Man kann eine gute Beziehung führen, ohne dass HIV ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Ich bin gesund und fühle mich gut. Das lässt sich auf die Beziehung übertragen. So weit, so gut.

Angesichts dieses inneren Friedens ist der Trailer zu Deinem neuen Album recht drastisch. Du trittst als blutverschmierter Biedermann mit irrem Blick auf. Was steckt dahinter?
Ich wollte den Kontrast darstellen zwischen dem, wie viele Leute mich sehen wollen, und dem, wie es in mir drin manchmal wirklich aussieht. Es sollte ein bisschen David-Lynch-mäßig sein und die Abgründe in meiner Persönlichkeit symbolisieren. Das Blut steht für die Wut in mir. Ich wollte mir selbst gegenüber eingestehen, dass ich diese Wut immer noch habe, und sie gleichzeitig loslassen.

Stimmt es, dass diese Wut aus Zeiten stammt, in denen Du als Faggot, also Schwuchtel, beschimpft wurdest?
Ja, das könnte man sagen. Das Video ist meine Art diese Wut zu verarbeiten. Besser in einem Album-Trailer Kunstblut vergießen als im wahren Leben, oder?

Wirst du heute auch noch als Schwuchtel beschimpft?
Nee, das kommt kaum noch vor.

Kannst Du Dir erklären, warum nicht?
Keine Ahnung. Es ist einfach nicht mehr der Fall. Vielleicht wirke ich inzwischen anders. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich selbstsicherer geworden bin.

Info: Aktuelles Album: Grey Tickles, Black Pressure (PIAS), Tourdaten: www.johngrantmusic.com

Foto: Gem Harris