Bis Weihnachten steht Schwedens positiver Superstar Andreas Lundstedt in Stockholm in der Alcazar-Revue „Disco Defenders“ auf der Bühne. Hier kommt das Backstage-Interview.

Der Showtitel „Disco Defenders“ ist bei Deiner Band Alcazar seit jeher Programm. Fallen Dir drei Gründe ein, warum Disco es wert ist, verteidigt zu werden?
Erstens: Zeitlose Musik wie Disco stirbt nie. Zweitens: Es kann trotzdem nicht schaden, die Leute zwischendurch an ihre Existenz zu erinnern. Drittens: Disco ist nicht nur Glitzer, Glamour und unbeschwerter Spaß auf der Tanzfläche, den Leute spontan damit verbinden. Diese Musik entstand in den Siebzigern – also in einer Zeit, in der es nicht okay war, offen schwul zu sein, und in der Weiße, Schwarze und Hispanics noch in getrennten Clubs tanzen mussten. Disco war die Untergrundbewegung, in der erstmals alle willkommen waren – egal welche Herkunft, Hautfarbe oder sexuelle Präferenz sie hatten.

Am 1. Dezember machst Du eine „Disco Defenders“-Pause, um bei der Stockholmer Love4Life-Gala zum Welt-AIDS-Tag aufzutreten. Warum sind Dir solche Events wichtig?
Dank wirksamer Medikamente entwickeln die Leute heute kaum noch AIDS. Trotzdem sind HIV und AIDS nicht besiegt, also müssen wir weiter darüber sprechen. Bei solchen Veranstaltungen geht es darum, das Bewusstsein wach zu halten. Vor allem im Interesse der Aufklärung jüngerer Leute. Aber es muss weitergehen. Meiner Meinung nach muss man in Schulen, an Arbeitsplätzen, im Freundeskreis und in den Familien über HIV sprechen. Indem man das tut, bekämpft man das Stigma, das immer noch mit dem Virus einhergeht. Niemand sollte sich dafür schämen HIV oder AIDS zu haben und niemand hat das Recht über Menschen, die mit HIV oder AIDS leben, zu urteilen.

Deine Autobiografie trägt den Titel „Mitt positiva Livet“ („Mein positives Leben“) und in Interviews sagst Du, du hättest Dich mit dem Virus angefreundet. Wie hast Du das geschafft?
Am Anfang meiner „HIV-Karriere“ habe ich mich selbst und das Virus gehasst. Das hatte zur Folge, dass ich sehr destruktiv mit meinem Geist, meinem Körper und meiner Seele umgegangen bin. Ich habe Drogen genommen und mich selbst dafür verachtet, dass ich mich infiziert habe. Aber nach einer Weile habe ich gemerkt, dass ich aufhören muss, so hart zu mir zu sein. Ich habe angefangen mit Freunden und Familie über die Infektion zu sprechen. Das hat sehr geholfen. Nach und nach fing ich an, den Hass auf mein Virus in den Griff zu bekommen. Warum sollte ich es hassen? HIV ist nichts, das ich bin, es ist nur etwas, das ich habe. Das ist okay. Es hat überhaupt keinen Sinn das Virus abzulehnen oder zu bekämpfen. Dadurch geht es auch nicht weg.

Beeinträchtigt HIV Dein Dating- und Beziehungsleben?
Nein. Alle meine Ex-Freunde waren negativ, aber keiner hatte ein Problem damit, dass ich positiv bin. Leute, bei denen das der Fall wäre, würde ich weder als Freunde bezeichnen, noch würde ich sie daten. Eine Beziehung würde ich schon gar nicht mit ihnen anfangen.

Wie würdest Du Dein Verhältnis zur schwulen Szene beschreiben?
Ich bin stolz drauf schwul zu sein, habe ein paar schwule Freunde und gehe ab und zu in Gay-Clubs feiern,aber sonst hab ich nicht so wahnsinnig viel mit der Schwulenszene am Hut.

Du hast Deine Drogenphase angesprochen. Heute bist Du clean. Gibt’s auf Partys einen Drogenersatz?
Wenn ich mit den Tänzern aus unserer „Disco Defenders“-Show feiern gehe, sprengen sie mit ihren Moves und ihrer energiegeladenen Ausstrahlung regelmäßig die Tanzfläche. Ich finde es wahnsinnig inspirierend dabei zuzusehen. Das eine oder andere Glas Schampus ist aber natürlich auch drin.

Hast Du eine Erklärung für das schwule Faible für Disco?
Vielleicht haben Schwule einfach einen guten Geschmack (lacht)? Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass viele Discosongs so schön bittersüß sind. „I Will Survive“, „It’s Raining Men“, „Don’t Leave Me This Way“, „Never Can Say Goodbye“ oder auch „Crying at the Discotheque“ – all diese Lieder haben doch vor allem eins gemeinsam: Drama,Drama, Drama.

Planen Alcazar für die Zukunft ein Album oder Shows in Deutschland?
Alcazar werden immer neue Musik produzieren, aber ein komplettes Album sehe ich momentan nicht. Wenn wir einen Beat toll finden, nehmen wir ihn auf und veröffentlichen ihn. Komplette Alben funktionieren doch nur noch bei den ganz großen Stars wie Taylor Swift, Beyoncé oder Lady Gaga. Was Deutschland angeht: Es wäre super wieder mal zu Euch zu kommen und Glitter über Euren Köpfen auszuschütten.

Wir haben mit drei Gründen begonnen, Disco zu verteidigen, wir enden mit drei Gründen, Eure Show in Stockholm zu besuchen. Leg los!
Es ist verdammt noch mal die beste Disco-Show aller Zeiten. Eine Party im Namen der Liebe. Eine 105-minütige Glücks-Offensive. Für mich geht mit jeder Show ein Traum in Erfüllung. Da kann doch nun wirklich keiner Nein sagen, oder?

Interview: Christian Lütjens

Info: Als Sänger der schwedischen Popgruppe Alcazar wurde Andreas Lundstedt 2001 durch den Hit „Crying at the Discotheque“ international berühmt. 2007 bekannte er sich im QX Magazin zu seiner HIV-Infektion. 2012 veröffentlichte er die Autobiografie „Mitt positiva Livet“.
www.alcazarofficial.com

Foto: Peter Knutson

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