Stoßrichtung Zukunft! Stimmen und Eindrücke von der European AIDS Conference (EAC), die Mitte Oktober in Barcelona stattfand.

Das Convention Center von Barcelona ist während der vier Tage der EAC von einem permanenten Raunen erfüllt. Während im Raum „Brussels“ eine Rednerin aus Schweden erklärt, wie die Geschlechtschromosomen X und Y eine HIV-Übertragung erschweren oder begünstigen, spricht im Raum „Cologne“ ein Experte aus Frankreich über Vorbeugungsmethoden für opportunistische Infektionen, zugleich diskutiert im Raum „Barcelona“ ein Mediziner aus der Schweiz die Verbesserungsmöglichkeiten der antiretroviralen Therapie. In der großen „Exhibition Area“ präsentieren derweil amerikanische Diagnostikfirmen neue Blutschnelltestverfahren, eine Künstlerin aus Argentinien stellt ihren handgezeichneten Aufklärungscomic vor, ein Pharmaunternehmen aus Großbritannien erklärt die Wirkungsweise seiner Medikamente mithilfe eines Spieltisches, auf dem man knallbunte Molekül-Modelle ineinanderstecken kann. Die Internationalität geht also weit über ein europäisches Level hinaus und die Themen stoßen sämtlich Richtung Zukunft. Schließlich wurde bei der Eröffnungszeremonie am Vorabend noch mal das 90-90-90-Ziel bekräftigt. Damit nimmt die UNAIDS sich vor, dass bis zum Jahr 2020 90 Prozent der HIV-Positiven weltweit ihren HIV-Status kennen, davon 90 Prozent therapiert werden, bei denen das Virus wiederum zu 90 Prozent unter der Nachweisgrenze liegt. Fünf Jahre Zeit bleiben, um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen. Das ist nicht viel. Die Uhr tickt. Aber das Ticken geht unter in dem Raunen, zu dem die konzentrierten Gespräche und leisen Diskussionen der Konferenzteilnehmer verschmelzen. Es wird gearbeitet hier, an 90-90-90. Und am endgültigen Ende der HIV-Epidemie.

EAC-Ziel: Networking, Updates, Nachwuchsförderung
Nach schwulen Teilnehmern muss man im geschäftigen Treiben nicht lange suchen. Die AIDS-Bewegung wird noch immer sichtlich von der Gruppe mitgestaltet, die sie groß gemacht hat. Trotzdem ist das hier kein Klassentreffen von Nostalgikern. Zu Beginn der Konferenz habe ich die Gelegenheit, mit einer Koryphäe der HIV-Forschung zu sprechen. Prof. Dr. Jürgen Rockstroh ist Internist, war neben diversen anderen Ämtern langjähriger Präsident der Deutschen AIDS-Gesellschaft und ist Mitherausgeber des Medizinerhandbuchs „HIV book“. Auf die Frage, wozu Veranstaltungen wie die EAC in Zeiten von Kombitherapien und Eidgenössicher Studie noch gut sind, antwortet er: „Networking, Updates und Nachwuchsförderung sind die drei wesentlichen Punkte. Das heißt konkret: Erstens kommen Experten zusammen, um Projekte zu entwickeln. Das kann man nicht immer nur in Telefonkonferenzen tun. Zweitens: Die neuen Leitlinien werden vorgestellt. Manche fragen immer: Ändert sich da noch was? Aber ja. Die klare Vorgabe, dass ein Therapiebeginn bei HIV-Patienten so früh wie möglich erfolgen soll, ist eine große Neuerung. Auch im Bereich der Co-Infektionen gibt es immer wieder neue Substanzen und Studien, die diskutiert werden müssen. Drittens: Es sind ja nicht alle schon so lange dabei wie zum Beispiel ich. Es kommen immer wieder junge Leute nach – Mediziner wie Infizierte. Die müssen sich fortbilden und Erfahrungen sammeln. Dafür ist ein Expertentreffen wie die EAC der ideale Ort.“

Patienten, Aktivisten und Ärzte ziehen an einem Strang
Letzteres kann Robert Fieldhouse aus London bestätigen. Der britische Journalist schreibt seit 18 Jahren über HIV in der Gay-Community. In Barcelona erhofft er sich, mehr über HIV- und Hepatitis-C-Koinfektionen zu erfahren. Zum Einen, um die Leser seines Magazins „Baseline“ darüber aufzuklären, aber auch aus ganz „egoistischen“ Gründen.
„Ich bin selber seit 2002 positiv und habe durchaus ein privates Interesse daran, über den Stand der Wissenschaft Bescheid zu wissen“, erzählt er. „Das Besondere bei AIDS-Konferenzen ist der gute Draht zwischen Patienten, Aktivisten und Medizinern. Ich glaube nicht, dass es eine andere Krankheit gibt, bei der die Parteien so eng zusammenarbeiten. Hier sind fast alle Bekanntschaften mit Erkenntnisgewinn verbunden. Man redet auf Augenhöhe, was bei Aufklärung wichtig ist. Wenn ich positiven Personen einen Rat geben sollte, würde er immer lauten: Schafft Euch ein Netzwerk mit positiven Freunden, die Euch Fragen beantworten. Das ist ein mächtiges Werkzeug. Solche Konferenzen können dafür ein Forum sein.“

NICHOLAS FEUSTEL (Aktivist): „Wenn wir PrEP wollen, müssen wir das laut sagen. Wir müssen dafür auch wieder auf die Straße gehen. Von allein kommt nichts“

NICHOLAS FEUSTEL (Aktivist):
„Wenn wir PrEP wollen, müssen wir das laut sagen. Wir müssen dafür auch wieder auf die Straße gehen. Von allein kommt nichts“

Kampfansagen: Dampf machen beim Thema PrEP
Dass verschiedene Parteien an einem Strang ziehen, heißt aber nicht, dass beim EAC nur eitel Sonnenschein herrscht. Das merkt man bei den Veranstaltungen zum Thema Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Die Wirksamkeit der vorbeugenden Tablettentherapie, die sich vor allem für promiske Schwule, die keine stringente Kondomroutine haben, anbietet, ist inzwischen erwiesen. Eine europaweite Zulassung scheint dennoch in weiter Ferne. Um diesbezüglich Dampf zu machen, ist Nicholas Feustel angereist. Der Hamburger Filmemacher hat das Thema PrEP zur persönlichen Chefsache erklärt (siehe Interview M+ Herbst 2014). Im Convention Center Barcelona tritt er mit „Prepster“-Schriftzug auf dem T-Shirt in den Ring.
„Wenn wir die PrEP wollen, müssen wir das laut sagen“, erklärt er. „Wir müssen dafür auch auf die Straße gehen. Von selbst kommt nichts. Speziell in Deutschland scheinen weder das Bundesministerium für Gesundheit noch die Krankenkassen Interesse an PrEP zu haben. Wir müssen also Druck machen.“
Rückendeckung bekommt Nicholas von Dr. Ingo Ochlast, HIV-Behandler und Vlogger aus Berlin: „Mit PrEP hat man auch die Chance das HIV-Thema aus der Stigmatisierungsecke rauszubekommen, weil die Negativen mehr in die Verantwortung genommen werden.“ sagt er. Ochlast und Feustel werden später bei einem inoffiziellen Strategietreffen politische Druckmittel zur PrEP-Forderung erwägen. Ein weiterer Vorstoß Richtung Zukunft. Denn die Uhr tickt.

Text und Fotos: Christian Lütjens