Eine essayistische Kurzgeschichte von Matthias Frings

Erinnerungen sind – man sollte es nicht glauben – stets ein Blick zurück. Kommt allerdings darauf an, von welchem Punkt aus man zurückblickt.
Ich stelle mir vor: Es ist ein sonniger, stürmischer Herbsttag. In meinen mittleren Achtzigern flitze ich den Gehweg entlang. Ich schwinge meinen Stock, der keineswegs eine orthopädische Notwendigkeit ist, sondern das aktuelle Lieblingsaccessoire der Berliner Hipster – kein Krückstock, nur ein elegantes Gehstöckchen. Ich stelle mir vor: Mein volles Haar flattert im Wind. Ich muss mich sputen, noch vor Ladenschluss zu der versteckten, kleinen Fleischerei in Friedrichshain zu kommen. Seit der Kaufhof am Alexanderplatz nur noch vegane Produkte anbietet, ist der Metzger oft sehr schnell ausverkauft.
Hätte man es mir vorausgesagt, ich hätte es nicht geglaubt: Ich habe mich noch einmal verliebt. Ein heißer 80-jähriger Brite namens James mit sexy Segelohren. Und weil wir derzeit in Feierlaune sind, haben wir beschlossen etwas ganz Ausgefallenes zu essen: Steaks!

Die ganze Szene ist aus dem Häuschen! Überall knallen die Korken. Das Netz ist voll davon.

Dass unser Gelüst fleischlicher Natur ist, kommt nicht von ungefähr. Endlich ist es soweit: Mehr als 40 Jahre nach der Entdeckung des HI-Virus gibt es eine Impfung! Die ganze Szene ist aus dem Häuschen! Überall knallen die Korken. Das Netz ist voll davon. Ab sofort muss man nur noch einmal im Jahr zum Arzt gehen, sich eine Spritze verpassen lassen, und schon hat der jahrzehntelange Horror ein Ende. Wer hätte 1983 gedacht, dass es so lange dauern würde?
Brian und ich finden jedenfalls, dass dies gehörig gefeiert werden muss – mit Fleisch in jeder möglichen Bedeutung. Wir vögeln also wie die Champions. Brian kann gar nicht genug kriegen von … ähm … bodily fluids. Großartig, dass man endlich wieder nach Herzenslust mit Sperma rumsauen kann – pardon my french. Aber ist es nicht unglaublich? Nach all der Zeit endlich wieder sorgenloser Sex! Keine Angst jemanden anzustecken, keine Angst sich selbst anzustecken. Niemand muss mehr überlegen, was erlaubt ist und was nicht, was safe ist oder unsafe oder irgendwo dazwischen. Keine Schuldgefühle, wenn die Lust mit einem durchgegangen ist, keine Lügen, keine Geheimnisse und keine Überlegungen aus der Abteilung „Wie sag ich’s meinem Sexualpartner“ – und sage ich es überhaupt?

„Sowas habe ich zuletzt während meiner Midlife-Crisis gesehen.“

Stattdessen: Freiheit! Natürlich sind wir nicht die einzigen, die aus dem Feiern nicht mehr rauskommen. Auf den Sexseiten im Netz ist momentan im wahrsten Wortsinn wenig Verkehr. Die Leute machen nämlich etwas ganz und gar Ungeheuerliches. Sie bestellen ihre Sexpartner nicht elektronisch, sondern gehen in die schwulen Bars und Clubs und machen sich gegenseitig an. Gucken, Lächeln, Flirten. Total analog. Das hat es seit Ewigkeiten nicht gegeben. „Voll die Seventies“, sagt James. „Sowas habe ich zuletzt während meiner Midlife-Crisis gesehen.“ Kann gut sein, dass diese kurzfristige libidinöse Aufwallung auch langfristige Veränderungen mit sich bringt. Bei einigen Paaren in unserem Freundeskreis hatte ich manchmal das Gefühl, ihre brave Beziehung à la Papa und Papa sei gar nicht so sehr der romantischen Vorstellung von Treue und Liebe forever geschuldet, sondern eher so etwas wie ein humanes Antivirenprogramm. Überhaupt waren alle so schrecklich bieder geworden, dachten nur noch an Heirat und Karriere, legten sich einen Schrebergarten zu, kannten sich bestens bei Quitten und Vereinssatzungen aus und redeten über nichts anderes als Essen und Einrichtung. Mag sein, dass die Türen des Zweierknasts (wie man früher gesagt hätte) sich jetzt wieder etwas weiter öffnen. Wer weiß, vielleicht erleben wir ja eine neue Welle von Beziehungsexperimenten. Aufregend. Auch James und ich haben schon überlegt, uns eine kleine Erfrischung zu gönnen und sozusagen den high tea mal zu Dritt einzunehmen.

Was boten sich nicht für tolle Storys: Die neue Pest, die wohlverdiente Strafe Gottes, der Weltuntergang.

So lange herbeigesehnt und wundervoll die neusten Nachrichten auch sind, werden die vielen schmerzhaften Erinnerungen dadurch natürlich nicht ausradiert. Das Virus war die größte Katastrophe unseres Lebens. Bisher jedenfalls. Abschied nehmen ist immer schrecklich, aber wenn die Sterbenden noch so im Saft stehen, wenn der ganze anstrengende Vorlauf von Schule und Ausbildung endlich ausgestanden ist und das Leben endlich im Turbogang losgehen soll – dann tut es besonders weh. Diese Verschwendung! Die vielen Freunde, die bis heute schmerzlich fehlen, die Schmerzen, der Kummer und die sozialen Abstürze. Die traumatisierten Eltern – zutiefst getroffen oder schockiert bis ins Mark, weil sie keine Ahnung hatten: „Mein Sohn hat doch kein AIDS, dann müsste er ja schwul sein…“
Anfangs hat sich die Politik auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Von Zwangsuntersuchungen und Absonderungen war die Rede, von Sex- und Berufsverboten. Dann die Medien. Was boten sich nicht für tolle Storys: Die neue Pest, die wohlverdiente Strafe Gottes, der Weltuntergang. Und natürlich war es pure Aufklärung, die Sexpraktiken der Schwulen bis zur letzten Schleimhaut auszuleuchten. Da wurde nicht mehr redigiert, nur noch erigiert.

Ein Großteil meiner Freunde liegt auf dem St.-Matthäus-Kirchhof in Kreuzberg. Manchmal gehe ich vorbei, um hallo zu sagen.

Doch letztendlich hat Deutschland sich – wer hätte das gedacht? – als ziemlich pragmatisches und vergleichsweise fortschrittliches Land erwiesen. Keine Zwangsmaßnahmen, dafür Selbsthilfe und Aufklärung. Wir hatten Glück im Unglück: Deutschland gehörte zu den Ländern mit den niedrigsten Infektionsraten weltweit. Schlimme, schlimme Zeiten – aber wenn ich mich heute erinnere, dann sehe ich vor allem das, was die Freunde hinterlassen haben. Ihre Fotoarbeiten, Filme und Romane, ihre Musik oder Videos oder Gemälde. Auch wenn ich mich oft frage, was sie wohl heute machen würden, wer ein berühmter Künstler wäre und wer einfach nur ein lieber Mensch – ihre Arbeiten von früher gibt es, sie sind in der Welt. Ein Großteil meiner Freunde liegt auf dem St.-Matthäus-Kirchhof in Kreuzberg. Manchmal gehe ich vorbei, um hallo zu sagen. „Ich bin spät dran, ich weiß“, entschuldige ich mich dann. „Keine Bange, ich komme bald nach. Nur im Moment geht’s leider noch nicht. Ich hab’ noch zu tun.“

 

Info: Matthias Frings ist 62 Jahre alt. Der Autor („Der Letzte Kommunist“, „Manchmal ist das Leben“) Übersetzer und Moderator („Liebe Sünde“) lebt und arbeitet in Berlin – momentan noch ohne englische Begleitung.

Fotos: Shutterstock.com/Samuel Cohen

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