Davide ist ein gutes Beispiel dafür, dass Aufgeklärtheit glücklich macht. Für ihn selbst kam sie erst, als er sich mit HIV infiziert hatte. Drum hilft er anderen, schon vorher durchzublicken.

Du hast vor drei Jahren erfahren, dass Du positiv bist. Wer war damals der Erste, dem Du von der Diagnose erzählt hast?
Das Gespräch mit dem Arzt war relativ kurz. Er hat zwar versucht, mich zu beruhigen, aber das hat nicht viel gebracht. Ich bin rausgelaufen und hab geheult wie ein kleines Kind. Das Problem war, dass ich so gut wie nichts über die Krankheit wusste. Ich hatte keine Ahnung, ich dachte nur, ich geh jetzt drauf. Erst als ich später mit einem guten Freund über die Diagnose geredet habe, hat der mich ein bisschen runtergebracht und mir erklärt, dass HIV heute nicht mehr so schlimm ist wie früher.

Denkst Du, dass ein mangelnder Aufklärungsstand bei jüngeren Schwulen generell ein Problem ist?
Generell würde ich nicht sagen. Es kommt drauf an, wo man ist. Ich lebe in der Nähe von Osnabrück. Wenn ich dort auf Partys bin, fällt mir schon auf, dass viele auf Abstand gehen, sobald ich sage, ich bin HIV-positiv. Wenn ich dagegen in Großstädten wie Berlin oder Köln bin, sagen die meisten: „Und? Erzähl mal was Neues.“ Das geht so weit, dass mal ein Typ zu mir gesagt hat: „War ja klar. Alle geilen Typen sind positiv.“ So was finde ich ehrlich gesagt etwas übertrieben. Das geht dann in so eine Richtung nach dem Motto „Negativ ist unsexy“, was Quatsch ist.

Du bist momentan Single. Erzählst Du vor Dates von Deiner Infektion?
Ja, ich bin da ehrlich. Wenn es zu einer sexuellen Beziehung kommt, soll der andere wissen, woran er ist. Ich hab das schon beim allerersten Date nach der Diagnose offen gesagt und daran hat sich seither nichts geändert.

Stößt Du infolge Deiner Offenheit auch auf Ablehnung?
Klar, wer ehrlich ist, fällt auch mal auf die Schnauze. Es gibt schon manche, die aussteigen, weil sie Angst haben sich anzustecken. Aber ich finde, mit so was muss man rechnen. Mir persönlich ist es lieber, einen Korb zu bekommen, als unehrlich zu sein. Außerdem gibt es ja noch die 80 Prozent der anderen Leute, die kein Problem damit haben. Viele stellen auch Fragen. Ich hatte tatsächlich schon Dates, wo sich die Leute mit mir stundenlang über HIV und Safer Sex unterhalten haben. Ich finde das gut. Hätte ich früher ein paar mehr Fragen gestellt, wäre ich bei der Diagnose auch etwas besser informiert gewesen.

Kommt es nach solchen „Aufklärungsgesprächen“ noch zum Sex?
Ich denke, das hat mit den Beteiligten zu tun. Was mich angeht, habe ich anscheinend eine Art, die den Leuten vertrauenswürdig erscheint. Man glaubt mir, wenn ich erzähle, dass die Ansteckungsgefahr bei Null liegt, solange wir Kondome benutzen. Und darauf bestehe ich sowieso. Um also auf die Frage zu antworten: Ja, es kam schon zum Sex bei solchen Dates.

Gibt es auch Leute, die von Dir fordern, das Gummi wegzulassen?
Ja, manche wollen wirklich ausschließlich Sex ohne Kondom. Bei denen kann ich natürlich nicht landen. Das ist dann eine andere Form von Ablehnung. Aber auch da mache ich mir nichts draus. Entweder man hält sich an seine Grundsätze oder man lässt es komplett.

Was hältst Du von Bareback und gummilosen Positiven-Sexpartys?
Ich finde, damit machen es sich die Leute zu einfach. Es gibt ja nicht nur HIV, sondern noch ein paar andere Geschlechtskrankheiten, von denen ich bisher zum Glück verschont geblieben bin. Ich sehe auch keinen Grund für Bareback. Ich hab halt immer zwei Kondome im Portmonee, um Situationen, wo es heiß wird und man keine Gummis bei sich hat, gar nicht erst herauszufordern.

Hattest Du immer diese Prinzipientreue oder musstest Du sie lernen?
Kann ich Dir nicht sagen. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich nach der Diagnose erst total schwarz gesehen habe und dann einen neuen Anfang gemacht habe. Manchmal treffe ich nach Jahren Bekannte von früher wieder. Viele sagen, ich sei ein komplett anderer Mensch geworden. Ich denke positiver, ich jammere nicht mehr so viel. HIV-positiv steht bei mir nicht für Krankheit sondern für einen Lebensstil.

Und wie warst Du vorher?
Wie mein Umfeld. Ziemlich spießig. Das hat auch mit meiner Erziehung zu tun. Mein Vater ist Sizilianer und hat mir von Kind auf eingebläut, dass ein Mann sich wie ein Mann zu benehmen hat. Wenn ich ausgegangen bin, stand ich nur in der Ecke rum und hab böse geguckt. Ich dachte immer, wenn ich lächele, sehe ich nicht gut aus. Inzwischen weiß ich, dass es genau umgekehrt ist. Mein Lächeln bringt Leute dazu, mich anzusprechen. Das hab ich erst seit der HIV-Diagnose erkannt.

Was sagt Dein Vater zur Infektion?
Er ist vielleicht der einzige Mensch, mit dem ich noch nie darüber gesprochen habe. Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich Angst hätte, es ihm zu erzählen, aber ich glaube, es würde nichts bringen. Es würde ihn nur verwirren und unser ohnehin schwieriges Verhältnis mit Sorgen belasten, die sonst nicht da wären.

Interview: Christian Lütjens

Info: Sein Testergebnis bekam Davide (32) vor drei Jahren, infiziert hat er sich ein Jahr zuvor. Er ahnt, mit wem es passiert ist, sieht die Verantwortung aber bei sich selbst. Nach der Diagnose kam er sofort auf Therapie. Die Nebenwirkungen waren so heftig, dass er zwei Monate flach lag. Heute sagt er: „Ich bin gesund wie ein Pferd!“

Foto: Andrea Linns

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