Am Welt-AIDS-Tag 2015 veröffentlichen wir unter mplus-magazin.de jede Stunde eine Erinnerung eines Menschen an einen Freund oder Prominenten, der nicht mehr lebt, einen ganzen Tag lang. So erinnert sich Barbie Breakout:

Ich erinnere mich, dass mir meine Mutter Dein Buch „Schweine müssen nackt sein“ 1994 zu Weihnachten geschenkt hat, mit der Widmung versehen „Pass auf Dich auf, ich liebe Dich, deine Mutter“. Ich verschlang es binnen weniger Stunden, großäugig ob all der wilden Sexualpraktiken, von denen ich noch nie gehört hatte; berührt von Deinem festen Willen, schonungslos ehrlich zu sein, auch wenn es Dich oft in kein besonders gutes Licht stellte. Am Ende des Buches hast Du Dich selbst sterben lassen und das sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass Du Deinen eigenen Tod inszenieren würdest. Am Ende der Weihnachtsferien fuhr ich zurück aufs Internat und Dein Buch blieb fest an meiner Seite; die einzige Verbindung aus diesem Idyll hin zu der Welt, in der ich leben wollte, auch wenn es eine Welt voll von Dingen war, die mir Angst machten und über die ein entsetzliches Virus zu herrschen schien, das immer wieder die Brilliantesten aus der Mitte des Lebens riss.
1999 bezog ich endlich meine erste Berliner Wohnung, wurde Mitglied der Schwestern der perpetuellen Indulgenz und lernte Dich auf einem von den Schwestern organisierten Kaffeekränzchen kennen. Meine vorherige Aufregung erwies sich als völlig unnötig, denn Du warst nahbar, herzlich und genauso offen wie Dein Buch. Wir haben uns sofort ins Herz geschlossen und saßen lange beieinander. Bei einer späteren Gelegenheit zeigtest Du mir Deine Wohnung, um die sich viele Sagen rankten; in der Küche hatten sich in Ermangelung eines Gästebuchs die Gäste Deiner legendären Parties an den Wänden verewigt. Es las sich wie ein Who-is-Who der Kreativen und Schönen, dazwischen internationale Prominenz und Berliner Originale. Die Finger Deines „guten“ Arms strichen über die Namen, hunderte von ihnen, und mit einem müden Lächeln hast Du mir zugeflüstert: „Alle tot.“.
Im November 2000 hast Du uns Schwestern ein letztes Mal zu Dir geladen. Wir standen im Wohnzimmer um Deinen bunt bemalten Sarg, der dort schon Jahre stand, als Du verkündetest, du hättest beschlossen, Deine Medikamente abzusetzen und aus dem Leben zu scheiden. „Ich habe gerade die Filmrechte zu meinem Buch verkauft, bin frisch verliebt, besser wird es nicht mehr werden. Ein guter Moment, um zu gehen.“. Am 2.12.2000 bist Du gestorben. Damals war ich wütend auf Dich, heute feiere ich Deine Konsequenz und Deinen Mut. #irememberyoutoday, Napoleon Seyfarth, du großer kleiner Mann. Habe Dank.

Bild: Facebook

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