Am Welt-AIDS-Tag 2015 veröffentlichen wir unter mplus-magazin.de jede Stunde eine Erinnerung eines Menschen an einen Freund oder Prominenten, der nicht mehr lebt, einen ganzen Tag lang. So erinnert sich Journalist und Aktivist Dirk Ludigs an den Mann, der ihm gezeigt hat, wo der Eingang zur schwulen Welt ist.

Er steht Yorkstraße, unten an der U7, ich erinnere die pinke Strähne im Haar, den obligatorischen Mantel ausm Second-Hand, die Ratte auf der Schulter, weiß mit cremefarbenen Flecken, sie reckt neugierig den Kopf in die Höhe. Er so: „Suchst du das SchwuZ?“ Ich nicke. „Komm einfach mit! Ich bin Axel und das ist Hepatitis.“ Ich bin 18, Axel 17, ein wilder Junge aus Britz, schwierige Kindheit in billigsten Verhältnissen, der Vater ein Schwulenhasser, die Mutter trinkt zu viel, aber liebt ihren Sohn. Als ’85 sich die ersten testen lassen, ist er 19 und positiv. Wie soll man damit klarkommen, so früh sterben zu müssen? Eine große Liebe wird er noch erleben, Manfred, 15 Jahre älter als er, an Aids erkrankt, wie er. Als Manfred stirbt, ist Axel 23 und ihm bleibt nur noch das Zynischsein. Die Infektionen fressen ihn von innen auf. Morgens um drei Uhr ruft er an, weil das Nasenspray ausgeht. Die letzten Tage im Krankenhaus, ich weiß noch wie ich da sitze, auf dieses Bett starre, Axel schon nicht mehr bei Bewusstsein. Da fährt er plötzlich hoch, streckt seine ausgemergelte Hand aus, einfach so, damit ich sie ergreife, und ruft: „Ich will doch nur leben, Dirk.“ Zwei Stunden später ist er tot. Er wurde 24. #irememberyoutoday, Axel

Foto: privat, Dirk Ludigs 2015

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