Am Welt-AIDS-Tag 2015 veröffentlichen wir unter mplus-magazin.de jede Stunde eine Erinnerung eines Menschen an einen Freund oder Prominenten, der nicht mehr lebt, einen ganzen Tag lang. Paul Schulz, der Online-Chef von M+, erinnert sich an dem amerikanischen Künstler und Autor Joe Brainard, dessen Buch „I remember“ die Inspiration für #irememberyoutoday ist:

Ich erinnere mich daran, wie ich dich entdeckte. Ich erinnere mich daran, weil ich mich immer daran erinnere, wenn mir Kunst passiert: Ganz einfach, klug, irgendwas was noch nie jemand anderer gedacht hat. Sehr merkwürdig. Aber schön. Mit vielen Ebenen. Aber nicht aus Eitelkeit. Einfach so, wie du eben dachtest, dass man es machen sollte. Ein bisschen zu weit links. Ein bisschen zu wunderbar. Etwas, das still darum bittet, dass man ihm keine Fragen stellt. Rückhaltlos sexuell. Weil: natürlich. Wer hat schon Zeit für Scham, wenn die Freude in den Höhlen wartet, in denen man selbst nicht wohnt? Aber verspielt. Ich erinnere mich, wie ich „Ich erinnere mich“ zum ersten Mal las. Ich schluckte es runter, am Stück, ohne festzuhalten. Ich erinnere mich an Lachen und Tränen und daran, wie verblüfft ich war. Ich erinnere mich an die kurze Bio auf der letzten Seite. Daran, dass du tot warst. Weil: natürlich. Du warst süß und smart und talentiert und machtest wirklich gern mit anderen Jungs rum und hast dich nicht dafür geschämt und wurdest 1941 geboren und wir hatten 1995 oder 1996 und was hättest du sonst sein sollen? Niemand war so schön und klug und sexy und am Leben. Die Götter warfen harte, schnelle Bälle damals. Ich erinnere mich, dass ich dich für mich behielt. Nur für eine kleine Weile. 20 Jahre. Ich erinnere mich daran, als „Ich erinnere mich“ rauskam, auf Deutsch, vor drei Jahren. Ich erinnere mich, wie eifersüchtig ich auf diejenigen war, die dich zum ersten Mal lesen konnten. Ich erinnere mich daran, wie ich vor ein paar Wochen dachte, „Ich sollte was machen, wo die Leute sich erinnern.“ Ich erinnere mich an das Kichern aus Richtung des großen Bücherregals. Hattest du einen schönen Tag? #irememberyoutoday, Joe Brainard

I remember discovering you. I remember, cause I always do remember when art happens to me: Simple, smart, something nobody had thought yet. Seriously strange. But fun. Multilayered. But not vainly so. Just your way of expressing yourself. Slightly off. Slighty wonderful. Quietly asking not to be asked a thing. Unapologetic about sex. Because: of course. Who has time for shame, when there are vast, as yet undiscovered caves of joy to be jumped into, right? But playful. I remember reading „I remember“ for the first time. Devouring it whole, more like. I remember laughter and tears and astonishment. I remember the bio on the last page. I remember you had been dead for a year or more. Because: of course. You were cute, and smart, and talented, and really into other boys and not into shame and born in 1941 and it was late 1995 or early 1996 and what else would you have been, right? Nobody got to be this talented, beautiful and funny and lived. The gods played a rough game back then. I remember keeping you to myself. Just for a while. 20 years. I remember when „Ich erinnere mich“ came out, a couple of years back, being jealous of the ones who got to read you for the very first time. I remember, a few weeks ago, thinking: I should do something where people remember. I remember you giggling on my bookshelf. Did you have a nice day? #irememberyoutoday, Joe Brainard

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