Am 1. Februar war es so weit! Aus der Zentrale des US-Pharmakonzerns Gilead ging die Nachricht in die Welt, dass das Unternehmen bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) einen Antrag auf Zulassung der blauen HIV-Pille Truvada als Präexpositionsprophylaxe (PrEP) gestellt hat – also als Therapiemaßnahme, die HIV-negative Risikopatienten vor einer Infektion schützt. Nach Ansicht von AIDS-Hilfen und Aktivisten kommt der Antrag mindestens zwölf Monate zu spät. Die Resultate der Studien PROUD und Ipergay ergaben bereits vor einem Jahr, dass die Schutzwirkung von PrEP
bei Männern, die Sex mit Männern haben, dem Schutz von Kondomen gleicht. Abgesehen davon, dass PrEP in Amerika bereits seit 2012 zum Einsatz kommt und seit 2014 von US-Gesundheitsbehörden ausdrücklich als Präventionsmaßnahme empfohlen wird.

Undercover-PrEPs lassen sich via Schwarzmarkt und Online-Handel also schon jetzt organisieren.

Diese Vorzeichen sprechen für sich. Hinzu kommt, dass Truvada auch hierzulande kein neues Medikament ist. Als Teil der Kombitherapie bei HIV-Positiven wird es bereits seit 2005 angewendet. Undercover-PrEPs lassen sich via Schwarzmarkt und Online-Handel also schon jetzt organisieren.
Diese Situation bringt Schwerpunktärzte immer wieder in die Zwickmühle: Sollen sie bei Risikopatienten Off-Label-Verschreibungen auf eigene Verantwortung vornehmen oder weiter dabei zusehen, wie HIV-Patienten ihre Truvada-Packungen „verlieren“, während sie sie in Wirklichkeit gewinnbringend auf dem Schwarzmarkt verticken? Das ist hoffentlich bald Schnee von gestern. Wenn nichts schiefgeht, wird die deutsche PrEP-Zulassung noch dieses Jahr von der EMA durchgewinkt und das „Blaue Wunder“ kann seinen Lauf nehmen.

Muss die Kondomindustrie in naher Zukunft tatsächlich auf schwule Kunden verzichten?

Die Frage ist allerdings, in welcher Form. Muss die Kondomindustrie in naher Zukunft tatsächlich auf schwule Kunden verzichten? Gehört man als Homo zwangsläufig zur Risikogruppe? Und ist Sex auf PrEP der bessere Sex? Die neue M+ nähert sich all diesen Fragen von verschiedenen Seiten an. Es kommen PrEP-Aktivisten, Mediziner und User zu Wort. Gleichzeitig wird mit ein paar Mythen Schluss gemacht, die sich durch die Debatten der letzten Jahre eingeschlichen haben. Der ironische Unterton, den der Titel „Das Blaue Wunder“ dabei bekommt, ist ausdrücklich gewollt – nicht zuletzt, weil viele Fragen nach erfolgter Zulassung noch mal neu diskutiert werden müssen. Eins hat PrEP aber schon jetzt erreicht: Das Verhandeln von (schwuler) Sexualität hat eine grundlegend neue Qualität bekommen. Und das ist tatsächlich ziemlich wundervoll.

Hier die Frühjahrsausgabe der M+ für alle zum Download oder Online lesen.

Bild: Shutterstock.com/KC Lens and Footage