Dirk Ludigs, Journalist und Autor, lebt in Berlin und Kalifornien und hat dort seit zwei Jahren wieder Sex ohne Kondom. Safer Sex, ohne Kondom. Und er wird die PrEP nehmen, wenn es sie in Deutschland gibt. Wir haben ihn gebeten zu erklären, warum.

Jüngere Leser aufgepasst: In diesem Artikel erzählt Opa vom Krieg! Genauer gesagt: über die Zeit vor dem Krieg, die Zeiten vor AIDS und Safer Sex. Weil ich mich noch erinnern kann, wie es war, als mein Sex ein Kondom bekam. Vor AIDS waren Gummis das letzte, an was schwule Männer beim Sex dachten. Präservative, das waren peinliche „Lümmeltüten“, die sich Heteros überziehen mussten, wenn sie Sex mit Frauen hatten. „Pariser“ brauchten wir nun wirklich nicht, und das war unsere Genugtuung dafür, dass die meisten dieser Kondombenutzer uns im Gegenzug für „unnormal“ hielten. Bis dann die Angst einzog. Auch daran kann ich mich noch gut erinnern. Das ist jetzt ziemlich genau 30 Jahre her, ich war Anfang 20, hatte gerade meinen ersten New-York-Besuch hinter mir und war in jeder Hinsicht geflasht von der wilden Großstadt, die Manhattan damals noch war.

Das Kondom, das wussten alle, auch die frisch gegründeten AIDS-Hilfen, hat eine Menge Nachteile.

Am meisten beeindruckt aber war ich von einem sterbenden schwulen Mann, für den ich noch ein paar Tage Sorbet-Eis im Supermarkt besorgte, weil er sonst nichts mehr schlucken konnte, bevor er in den Armen eines Freundes aus dem Leben schied. Da ahnte ich: So werde ich bestimmt auch enden, wenn ich nicht anfange, Gummis zu benutzen. Das Kondom, das wussten alle, auch die frisch gegründeten AIDS-Hilfen, hat eine Menge Nachteile. Man muss es mit dem Partner verhandeln, man muss es beim Sex rausholen, die Packung aufreißen, richtig überstülpen und abrollen, was mit glitschigen Pfoten gar nicht leicht ist, dabei muss man hart bleiben. Es erinnert daran, dass man sich beim Sex was einfangen kann. Es verringert beim Ficken die Lustgefühle, auch wenn tausendmal „gefühlsecht“ draufsteht, und es kann platzen und dann hat man den Salat. Im Grunde wussten alle, wir ziehen die Dinger über, weil wir uns keine tödliche Krankheit einfangen wollen, und wenn die Gefahr vorüber ist, hören wir auch wieder damit auf.

Seit zwei Jahren habe ich wieder Sex ohne Kondom. Das war zu Anfang sehr, sehr seltsam.

Nun, die Gefahr ist nicht vorüber, aber sie ist beherrschbar geworden und es gibt Alternativen zum Gummi. Seit zwei Jahren habe ich wieder Sex ohne Kondom. Das war zu Anfang sehr, sehr seltsam, ich fühlte mich sogar ein bisschen schuldig, wie ein Kind das verbotene Sachen macht. Mein Lieblings-Dauer-Sexpartner ist HIV-positiv und unter der Nachweisgrenze. Acht HIV-Tests später, alle negativ natürlich, ist die Angst weg und das Schuldgefühl auch und der Spaß am Sex zurück, genau so, wie ich ihn einmal vor den Gummis hatte, mit diesem Ausmaß an Intensität, dem Austausch von Körpersäften, dem Sich-vergessen-Dürfen und An-nichts-denken-Müssen. Das Verrückte ist: Natürlich habe ich auch weiter Sex mit Gummi. Es ist eben bloß kein Automatismus mehr, es ist eine bewusste Entscheidung geworden. Als promisker schwuler Mann manage ich mein Risiko. Die Erfahrung, Sex ohne Kondom haben zu können, hat mich nicht verführt, von jetzt ab nichts anderes mehr zu wollen. Im Gegenteil: Sie hat mir überhaupt erst die Freiheit zurückgegeben, mich beim Sex für ein Gummi entscheiden zu können, anstelle mich in eine Notwendigkeit fügen zu müssen. Meist greife ich zum Kondom, weil der andere ungetestet ist oder nicht unter der Nachweisgrenze, weil ich ihn nicht gut genug kenne, um zu wissen, was er wirklich meint, wenn er sagt, er sei „sauber“ oder „gesund“, weil der andere grundsätzlich nichts ohne Gummi macht, weil ich keinen Bock auf den Stress im Kopf habe, der losgeht, wenn man nicht weiß, ob man sich eine blöde Krankheit eingefangen hat – und damit meine ich nicht nur HIV, auch wenn Gummis davor effizienter schützen als vor, sagen wir, Tripper (ein bisschen) oder Filzläusen (gar nicht).

Gefühl
Nein, zwei Jahre gummifreier Sex mit meinem Lieblingssexpartner haben mich nicht zu einer hemmungslosen Bare- Schlampe gemacht und auch die PrEP, wenn sie denn kommt, wird mich und die anderen, die sie nehmen werden, nicht zu jenen Truvada-Huren machen, die in den Köpfen von Moralaposteln und Pornoproduzenten herumspuken. Eine Pille verändert keine sexuellen Wünsche, und schon gar nicht macht sie aus schwulen Männern verantwortungslose Sklaven ihrer Libido. Wer das behauptet, verrät ausschließlich etwas über das im Kern schwulenfeindliche Zerrbild, das er in sich trägt. Die PrEP ist nicht für jeden geeignet. Das hat sich in den fast vier Jahren gezeigt, in denen sie nun in meiner zweiten Heimat, den USA, zumeist auf Krankenkasse zu haben ist. Aber sie hilft dort einer kleinen und vor allem hoch gefährdeten Minderheit, die viel Sex mit wechselnden Partnern hat und aus so persönlichen wie unterschiedlichen Gründen keine Kondome benutzt.

Es hat sich gezeigt, dass viele, wenn nicht die allermeisten Männer, die keine Kondome benutzen, dies nicht tun, weil ihnen HIV und ihre Sexpartner egal sind.

Solche Männer gibt es natürlich auch in Deutschland und bisher schreiben die mir, wenn ich sie auf Planetromeo treffe und nachfrage, Sätze wie: „Wenn ich HIV+ werde dann ist das halt so. Bekommt man halt, wenn man bare fickt, irgendwann, und Medis bekommt man ja erst verschrieben, nachdem man sich angesteckt hat.“ Vielleicht bin ich ja ein unverbesserlicher Gutmensch, aber ich kann nicht finden, dass dem Mann mit einem „Dann nimm halt ein Gummi, du Trottel!“ wirklich geholfen ist. Sondern eher mit Truvada kostenfrei auf Rezept. Seit es in den USA die PrEP auf Krankenkasse gibt, sind dort vor allem zwei Sachen passiert, die der schwulen Welt extrem gut getan haben. Erstens: Es hat sich gezeigt, dass viele, wenn nicht die allermeisten Männer, die keine Kondome benutzen, dies nicht tun, weil ihnen HIV und ihre Sexpartner egal sind, sondern: weil sie eben keine Kondome benutzen. Gibt man diesen Männern eine Alternative an die Hand, mit der sie besser umgehen können, schützen sie sich und andere.

Es hat sich gezeigt, dass viele, wenn nicht die allermeisten Männer, die keine Kondome benutzen, dies nicht tun, weil ihnen HIV und ihre Sexpartner egal sind.

Das hat wiederum, zweitens, zu einer deutlichen Entspannung untereinander geführt. HIV/AIDS und Safer Sex haben die schwule Community lange geteilt: In HIV-Positive versus HIV-Negative, in Kondomnutzer versus Barebacker. Es sind Trennwände, gebaut aus Angst, zusammengezimmert mit einer wilden Mischung aus Gesundheit und Moral. Mit den neuen Möglichkeiten, mit Safer Sex durch Therapie und mit PrEP sind diese Trennwände zwar auch in den USA noch nicht ganz verschwunden, aber sie sind doch um vieles niedriger geworden. PrEP ist ein hervorragendes Mittel nicht nur gegen die Ansteckung mit HIV sondern vor allem auch gegen die Angst vor der Ansteckung, die der Diskriminierung von HIV-Positiven genauso Vorschub leistet, wie der moralischen Abwertung von Menschen, die beim Sex kein Kondom benutzen. Die PrEP hat, weil sie die Angst nimmt, einen heilenden Effekt auf die schwule Welt als Ganzes. Dieses heilsame Gefühl hatte ich bereits nach meinem ersten Sex mit einem HIV-Positiven unter der Nachweisgrenze. Kondomfreier Sex, Sex mit einem Positiven allzumal, ohne diese vermaledeite Angst im Nacken – nach dreißig Jahren – das war eine wunderbare Befreiung. Was mir die PrEP darüber hinaus zurückgeben wird, und das kann ich gar nicht hoch genug einschätzen, ist meine sexuelle Autonomie. Beim kondomfreien Sex ohne PrEP muss ich mich bisher auf meinen Partner verlassen, er bleibt Vertrauenssache. Erst mit der PrEP werde ich als HIV-negativer Mann in die Lage versetzt, für meine HIV-Prävention auch dann die Verantwortung selbst zu übernehmen, wenn ich – warum auch immer – aufs Kondom verzichte. Zugegeben: Mit der PrEP ist dann vielleicht immer noch nicht wirklich Frieden, aber Opas Krieg ist doch fürs Erste vorbei.

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