Es wurde Zeit für dieses Heft. Spätestens seit der Grünen-Abgeordnete Volker Beck (immerhin Deutschlands bekanntester LGBTI-Aktivist) vor einigen Monaten in Berlin-Schöneberg mit einer Substanz, bei der alle davon ausgehen, dass es Crystal Meth war, von der Polizei aufgegriffen wurde, haben wir in der Redaktion verstärkt über Sexdrogen gesprochen und angefangen intensiv zu recherchieren. Dabei stellte sich heraus: Wie groß genau das Phänomen ist, weiß niemand. Eine erste Umfrage zu Verhalten und Konsum von Crystal in der deutschen LGBTI-Community hatte bescheidene 17 Teilnehmer. Männer, die selbst auf Chemsex-Partys gehen, bei denen unter anderem Crystal „geslammt“ (also intravenös injiziert) wird und mit denen wir gesprochen haben, gehen zwar davon aus, dass es im gesamten Bundesgebiet nur ungefähr 3.000 MSM gibt, die das regelmäßig auch tun, allerdings sind sich alle Experten einig darüber,

Crystal ist keine herkömmliche Sexdroge, mit der man ein ohnehin intensives und schönes Erlebnis noch geiler, länger, besser machen kann.

dass diese Zahl schnell und in bisher nicht dagewesenem Ausmaß steigt. Es gibt inzwischen Filme über Crystal, im April fand eine ganze Konferenz zum Thema statt und jeder, der sich in der Szene bewegt, hört immer wieder davon. Weil: Crystal ist keine herkömmliche Sexdroge, mit der man ein ohnehin intensives und schönes Erlebnis noch geiler, länger, besser machen kann. Crystal ist die eine Substanz, bei der selbst Männer, die zu ihrem Sex gerne, schon lange und sehr kontrolliert Drogen nehmen, sagen: „Da habe ich einfach versagt.“ Heißt: Selbst Drogengebraucher, die sich wirklich auskennen und deren Konsum nie schwierig war, müssen zugeben, dass Crystal eine viel gefährlichere Droge ist als alles, was wir bisher in unseren Alltag selbstverständlich integrieren und zu einem Teil unserer Lebenswelt machen konnten.

Crystal verändert dadurch, dass es das Verhalten seiner User verändert, auch das gesamte Verhalten der Szene.

Was auch bedeutet: Crystal verändert dadurch, dass es das Verhalten seiner User verändert, auch das gesamte Verhalten der Szene. Crystal Meth ist ein kleines fettlösliches Molekül, das mit Leichtigkeit die Blut-Hirn-Schranke überwindet und ins Gehirn eindringt. Dort wirkt es so, dass die Serontonin- und Dopamin-Level außerhalb der Nervenzellen so hoch werden, dass User über Tage nichts essen, nie schlafen und ständig geil sind. Ein normaler Orgasmus schüttet um die 50 Einheiten Dopamin aus. Bei Crystal sind es bis zu 1.500. Ein User beschrieb das daraus resultierende Gefühl uns gegenüber so: „Man gewinnt an Weihnachten, das auch dein Geburtstag ist, gleichzeitig einen Oscar und einen Nobelpreis, während man Sex mit dem schönsten Mann der Welt hat.“ Das Problem: Man wird eigentlich sofort abhängig von diesem Gefühl und läuft Gefahr innerhalb weniger Monate zu einem körperlichen und psychischen Wrack zu werden. Wir hoffen, in diesem Heft alle Informationen gesammelt zu haben, die verhindern, dass unseren Lesern das passiert.

Foto: Piccadillo Pictures