Einen knappen Monat nach der Aidskonferenz der Vereinten Nationen in New York und kurz vor der 21. Welt-AIDS-Konferenz in Südafrika gibt es optimistische Nachrichten aus Australien: Dort haben führende Wissenschaftler und Vertreter von Organisationen in einem öffentlichen Statement verlauten lassen, dass AIDS in ihrem Land „quasi eliminiert“ sei und daher keine bedrohliche Epidemie mehr für die Öffentlichkeit darstelle.

Die Experten begründen dies damit, dass durch moderne Medikamente heute verhindert werden könne, dass eine Ansteckung mit dem HI-Virus (HIV) zur Immunschwäche-Krankheit AIDS führe. Es gebe in Australien nur noch wenige Fälle von Patienten mit AIDS-Syptomen, und diese könnten oft auch nach Ausbruch der Krankheit noch mit Medikamenten behandelt werden.

AIDS geht, HIV bleibt

Auch im Hinblick auf HIV verbreitet die Erklärung zumindest vorsichtigen Optimismus: Das Virus könne durch die moderne Medizin nicht nur so in Schach gehalten werden, dass die Lebenserwartung von Menschen nicht sinke. Bis zum Jahr 2020 sei auch eine „virtuelle Eliminierung“, also ein flächendeckendes Verschwinden von HIV in Australien vorstellbar. Trotzdem betonen die Experten, dass das Virus auch heute noch eine große Bedrohung bleibe.

„Aus der öffentlichen Bedrohung durch AIDS ist inzwischen in die Herausforderung geworden, neue HIV-Ansteckungen zu verhindern.“

Dazu erklärt Professor Andrew Grulich, HIV-Wissenschaftler am australischen Kirby-Institut, im Rahmen des Statements: „Aus der öffentlichen Bedrohung durch AIDS ist inzwischen in die Herausforderung geworden, neue HIV-Ansteckungen zu verhindern. Wir haben in Australien immer noch über 1.000 neue HIV-Diagnosen pro Jahr.“ Diese könnten laut Grulich aber langfristig durch vorbeugende Medikamente wie (PrEP) und hoffentlich bald auch durch Medikamente zur Heilung von HIV verhindert werden.

Kritik an vorschnellem Optimismus

Bei allem guten Nachrichten gibt es jedoch auch Kritik an der Erklärung. So warnt die australische Professorin und HIV-Expertin Susan Kippax als Reaktion auf die Veröffentlichung davor, HIV könnte durch derartige öffentliche Statements verharmlost werden. Die Zahl der HIV-Diagnosen sei in Australien in den vergangenen 10 Jahren immerhin um 13% angestiegen.

„Wir müssen mit unserer Sprache aufpassen“

Kippax warnt außerdem davor, dass die Erklärung eines Endes der AIDS-Epedemie von vielen Menschen falsch verstanden werden könnte: „Wir müssen mit unserer Sprache aufpassen“, hat sie gegenüber dem australischen Wissenschaftsportal Sciencemag erklärt. Viele Menschen kennen aus Sicht der Sozialwissenschaftlerin nach wie vor den Unterschied zwischen HIV und AIDS nicht und könnten nun glauben, dass Vorsorge und Verhütung nicht mehr wichtig sei.

Text: Hanno Stecher, Grafik: Shutterstock.com/ Spectral-Design