von Christian Lütjens

Seit im Februar die Nachricht von der „Gen-Schere“ durch die Medien ging , bekommt Prof. Dr. Joachim Hauber, Leiter der Forschungsabteilung Antivirale Strategien am Hamburger Heinrich-PetteInstitut, regelmäßig E-Mails und Anrufe, in denen Positive fragen, wie es nun weitergeht. Einige der Patienten melden sich aus reiner Neugier, der überwiegende Teil aber erhofft sich, an der Pilotstudie teilnehmen zu können, bei der das Verfahren erstmals an Menschen getestet wird. Leider kann Hauber die Interessenten derzeit nur auf später vertrösten. Auf sehr viel später. Denn selbst wenn die stolzen 15 Millionen Euro, die die Studie kostet, wie geplant im Herbst 2016 gesichert sein sollten, ist das Projekt vorerst nur auf zehn Teilnehmer ausgelegt – zehn Teilnehmer, die nicht unbedingt gut therapierte HIV-Patienten sein werden. Weil so eine Gentherapie eine zusätzliche Herausforderung für den Organismus darstellt. Es wird somit auf Positive gesetzt, die sich aufgrund von Co-Infektionen wie Lymphomen und weiteren Ekrankungen ohnehin betreuungsintensiven Behandlungen (zum Beispiel Chemotherapien) unterziehen müssen. Aber wie gesagt: Erst kommt das Geld, dann die Vorbereitung und Rekrutierung der Patienten.

In der Petrischale funktioniert das Verfahren. Jetzt steht die Feuerprobe beim Menschen an.

Zur Vorgeschichte: Das Verfahren der „Rekombinase Brec 1“ entstand in jahrelangen Labortests an der TU-Dresden und dem Hamburger Pette-Institut. Ein Enzym wurde entwickelt, das Zellen, die vom HI-Virus befallen sind, gezielt ansteuert, ihnen die virale DNA herausschneidet und die Zellen wieder zusammensetzt. Das Enzym ist so spezialisiert, dass es wirklich nur virale Zellen angreift und unterschiedliche HIV-Typen erkennt. In der praktischen Anwendung würden den Patienten Stammzellen entnommen, die im Labor mit dem besagten Enzym versetzt werden und anschließend mithilfe von Genvektoren (auch bildhaft als „Genfähren“ bezeichnet) wieder in den Organismus eingebracht werden – wo sie sich an die Arbeit machen und von HIV befallene Immunzellen reparieren. In der Petrischale und bei „humanisierten Mäusen“ (Mäusen, denen menschliches Erbmaterial gespritzt wurde) funktioniert das Verfahren. Jetzt steht die Feuerprobe beim Menschen an.

Es gibt nur wenige Labors, die das überhaupt können. Die bekanntesten sitzen in Paris und Mailand. Dort haben die auch gut zu tun.

„Allein die Herstellung der Genvektoren kostet rund 5 Millionen Euro“, erzählt Joachim Hauber. „Es gibt nur wenige Labors, die das überhaupt können. Die bekanntesten sitzen in Paris und Mailand. Dort haben die auch gut zu tun. Die warten also nicht auf uns. Das Prinzip der Genfähren wird zum Beispiel bei Leukämiepatienten ja schon erfolgreich und nebenwirkungsarm angewendet. Es ist bewährt. Auch das Paul-Ehrlich-Institut sieht bei unserem Verfahren keine Schwierigkeiten in punkto Genehmigung. Aber bevor eine Genehmigung stattfindet, muss die Finanzierung stehen.“ Ein Förderantrag bei der EU wurde abgelehnt. Ob aus finanziellen oder politischen Gründen? Man weiß es nicht. Eine Erklärung der Zurückweisung blieb aus. Jetzt sind Hauber und seine Mitstreiter auf der Suche nach Geldgebern aus anderen Bereichen: „Wir rekrutieren in drei Feldern. Das erste sind Privatinvestoren. Es gibt ja durchaus finanzstarke Privatpersonen, die am Thema HIV Interesse haben. Aber davon wird kaum einer den kompletten Betrag von 15 Millionen liefern. Also fragen wir weiterhin in der Industrie nach – konkret bei Venture  Capital Firmen und in der Pharmabranche. Ich bin ganz optimistisch, dass die Finanzierung im Herbst steht. Das Herstellen der Genvektoren würde dann noch mal rund ein Jahr dauern. Mit einem Start der Studie ist also nicht vor Ende 2017 zu rechnen.“

Stellt sich die ketzerische Frage: Ist eine Heilung in Zeiten von hochwirksamen HIV-Therapien überhaupt noch notwendig? Hauber wägt ab: „Mir ist schon klar, dass die Meinungen da auseinandergehen. Erst kürzlich habe ich bei einer Veranstaltung von Niedergelassene Ärzte e. V. in Stuttgart einen Vortrag zum Thema HIV und zur Rekombinase Brec1 gehalten. Da waren auch viele Patienten im Raum. Auf einmal stand eine junge Frau von der AIDS-Hilfe Stuttgart auf und meinte, sie würde mit ihrer Therapie gut klarkommen und hätte überhaupt kein Interesse an einer Heilung. Außerdem sei das Verfahren viel zu teuer, das Geld könne man anderweitig einsetzen. Darauf kann ich nur antworten: Im Interesse der jungen Frau kann ich nur hoffen, dass sie auch in 20 Jahren noch so gut mit der Therapie klarkommt. Ihre Langzeitwirkung und Folgen werden ja gerade erst erforscht. Dieser Einwand ist nicht falsch zu verstehen: Weder meine Kollegen von der TU Dresden noch wir vom Heinrich-Pette-Institut stellen infrage, dass die antiretrovirale Therapie ein Riesenfortschritt und ein großer Erfolg ist. Aber heißt das, dass wir die Möglichkeit einer Heilung nicht mehr verfolgen sollten? Das Interesse vieler Patienten an der Rekombinase Brec1 spricht dagegen. Neulich sprach ich mit einem Patient, der schon sehr lange positiv ist. Er hatte lange gut mit den Medikamenten gelebt, aber jetzt machten sich auf einmal Nebenwirkungen bemerkbar. Auf einmal spielte die Frage nach Heilung für ihn wieder eine Rolle.“

Würde die Aussicht auf Heilung die Forschung nach einem Impfstoff weiter entschleunigen?

So führt die Frage nach Sinn oder Sinnlosigkeit einer Gentherapie von schnöden finanziellen Aspekten zu einem ethischen Diskurs, der das Thema HIV/AIDS seit jeher begleitet. Wie identitätsstiftend ist eine Langzeitinfektion für Positive? Würde die Aussicht auf Heilung die Forschung nach einem Impfstoff weiter entschleunigen? Würde das Verfahren wie schon die antiretrovirale Therapie ein Privileg wohlhabender Länder, beziehungsweise Gesellschaftsschichten bleiben? Und inwiefern würde sich die Etablierung der Methode auf die Präventionsarbeit auswirken? Diese Fragen kann auch eine Genschere nicht wegschnipseln. Auch wenn man sich zwischendurch vor Augen führen sollte, wie bahnbrechend die Heilungsoption im Angesicht einer Krankheit ist, der über Jahrzehnte eine Aura der Unbezwingbarkeit anhaftet

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