Als Leiter des Münchner HIV-Zentrums IZAR trifft Dr. Christoph Spinner (32) HIV-Patienten aller Altersstufen. Wir wollten von ihm wissen, was die jungen von den alten unterscheidet – und was das für die Zukunft des schwulen Sex bedeutet

Herr Dr. Spinner, gehen junge Schwule wirklich souveräner mit HIV um als ältere?

Ich glaube, das kommt sehr drauf an, wie weit die Identifikation als schwuler Mann fortgeschritten ist. Bei Männern Anfang 30, die schon länger sexuell aktiv sind und sich der Risiken sehr bewusst sind, werden Risiken oft auch bewusst eingegangen. Bei sehr frühen Diagnosen, also bei 19- bis 21-Jährigen, merke ich dagegen, dass zwar ein Risikobewusstsein existiert, aber doch häufig ausgeblendet wird. So was hat neben dem Konsum von Lifestyle-Drogen oft auch mit Unsicherheiten zu tun, die aus einer nicht abgeschlossenen Identifikation als schwuler Mann resultieren.

Sind junge Leute offen, was die Mitteilung ihres Sexualverhaltens angeht?

Im Erstgespräch will natürlich nicht jeder gleich seine gesamte sexuelle Historie offenbaren. Wir fragen aber danach, genauso wie wir nach Substanzgebrauch und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen fragen. Die Antworten können ohnehin zunächst nur zur Orientierung dienen. Überprüfen oder objektivieren lassen sie sich schwer. Am Ende ist es immer vom Verhältnis zwischen Behandler und Patient abhängig wie offen gesprochen wird.

Haben Sie eine Technik, wie sie das Vertrauen junger Patienten gewinnen?

Wir sind in der Kommunikation trainiert und speziell augebildet. Das ist modern und es ist auch kein Fehler. Aber letztendlich muss man doch sagen, dass man bei jedem Kontakt einen individuellen Menschen vor sich hat. Jeder hat andere Wünsche, Ängste und Bedürfnisse. Man muss sich annähern. Ich persönlich mache das so, dass ich versuche, den Leuten zu signalisieren, dass wir offen über alles sprechen können – auch über Drogengebrauch und sexuelle Fantasien. Außerdem versuche ich, nicht zu werten. Es geht in Beratungsgesprächen nicht um meine eigene Meinung zu gewissen Dingen, sondern um die Fakten. Bei jungen Leuten kommt mir manchmal zugute, dass ich selbst ein relativ junger Arzt bin.

Dr. Christoph Spinner

Dr. Christoph Spinner

Wie sah denn ihre persönliche Sozialisation mit dem Thema HIV aus?

Als Behandler hat man natürlich seine eigenen Implikationen und Ideen zu dem Thema. Ich bin verhältnismäßig konservativ aufgewachsen. Aber meine Arbeit zwingt mich, eigene Einstellungen zu überdenken und Dinge differenzierter zu betrachten. Auch ich musste lernen zu akzeptieren, dass die Safer-Sex-Strategie, mit der ich aufgewachsen bin, nicht mehr die einzige verfügbare Strategie zum Schutz vor HIV ist. Wir sehen in der Praxis, dass es bei 25- bis 39-Jährigen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), eine sehr hohe Akzeptanz von kondomlosem Sexualverkehr gibt. Da ist es gut, dass wir bald durch Präexpositionsprophylaxe (PrEP) eine Möglichkeit haben, auch diesen Menschen eine Strategie zur HIV-Prävention anzubieten. Das ist viel besser als sagen zu müssen: „Wenn Sie das Kondom unbedingt weglassen wollen, müssen Sie das Risiko in Kauf nehmen sich zu infizieren“.

Sind Sie der Meinung, wer nach PrEP fragt, sollte sie auch bekommen?

Naja, der bloße Wunsch des Patienten genügt nicht. Bei jeder Indikationsprüfung von Arzneimitteln muss hinterfragt werden, ob sie sinnvoll ist. Aber normalerweise ist der Wunsch des Patienten mit dem entsprechenden Risiko vergesellschaftet. Das gilt bei PEP und PrEP gleichermaßen. Aber mit bloßer Verschreibbarkeit ist es ja auch nicht getan. Der Markt an Menschen, die 840 Euro im Monat für eine kontinuierliche PrEP bezahlen können, ist dann doch sehr überschaubar. Im Grunde bleibt aktuell nur die Möglichkeit hoher finanzieller Ressourcen oder die Möglichkeit zur Kostenübernahme durch einzelne Privatversicherungen. Beides trifft nur auf einen sehr kleinen Teil unserer Menschen mit HIV-Risiko zu.

Hat sich Ihre Arbeit durch die Option auf PrEP generell verändert?

Absolut. Allerdings nicht erst durch PrEP. Den ersten richtig großen Effekt hatte Treatment as Prevention (TasP). Zu begreifen, dass die Absenkung unter die Nachweisgrenze die Infektiosität verhindert und dadurch auch HIV-Negative mit HIV-Positiven ungeschützte Kontakte haben können, ohne dass die Infektion weitergegeben wird, brachte die erste große Veränderung. Das sehen wir an der Häufung der Syphilis-Infektionen, als ein guter Indikator für häufigeren kondomlosen Sex. Hinzu kommt, dass Jüngere zunehmend in dem Bewusstsein aufwachsen, dass eine HIV-Infektion gut und meist unkompliziert behandelbar ist. Das unterscheidet sie von Menschen Mitte 50, die die AIDS-Zeit noch miterlebt haben und mit einer HIV-Infektion viel größere Ängste verbinden. Das gilt nicht nur für die Patienten. Ich spüre das auch bei älteren Mitarbeitern, die schon AIDS-Patienten versorgt haben.

Führt ein lockerer Umgang mit HIV zu einem schwindenden Verantwortungsgefühl gegenüber Sexpartnern?

Ich glaube ich nicht, dass weniger Berührungsängste zu mangelnder Verantwortung führen. Eher würde ich sagen, immer mehr HIV-Negative nehmen billigend in Kauf, dass sie sich vielleicht infizieren können, weil sie wissen, dass man mit der Infektion gut leben kann. All das hat aber auch damit zu tun, wie offen überhaupt mit dem eigenen Serostatus umgegangen wird. In ländlichen Gebieten halten sich die Menschen immer noch viel bedeckter als in Großstädten. Ich sehe selbst zwischen Berlin und München Unterschiede. In Berlin wird der Serostatus eher offenbart, ohne damit jemanden zu verunsichern. In München ist das gefühlt nicht unbedingt der Fall. Ansonsten sind therapierte Patienten sowieso selten virämisch, weil die Therapie zu unter der Nachweisgrenze befindlicher Viruslast führt. Ein Problem in der Prävention sind die unbewusst Infizierten, die sogenannten Super Spreaders.

Wie schätzen Sie generell ein, dass sich das Sexualverhalten schwuler Männer im PrEP-Zeitalter verändern wird?

Dafür muss man eigentlich nur Gayromeo beobachten. Momentan gibt es da nur wenige PrEP-Gruppen mit ein paar hundert Usern. Verglichen mit Bareback-Gruppen, die 300.000 User haben, ist das natürlich ein Witz. Aber die Verhältnisse werden sich ändern. Man konnte schon in den USA beobachten, dass die PrEP-Zulassung zu steigendem Gebrauch führte. Außerdem erledigen sich durch PrEP gewisse Dinge. Früher hatte ich zum Beispiel manchmal das Gefühl, einige Männer nehmen bewusst in Kauf, dass sie serokonvertieren, damit sie ein gewisses Peer-Group-Gefühl haben. So was wird durch PrEP weniger entscheidend. In Deutschland sind wir zudem in der luxuriösen Situation, dass wir ab Dezember ein Studienprogramm zur PrEP anbieten können. An vier Zentren in München, Frankfurt und Berlin läuft eine globale PrEP-Studie. Das wird noch mal erheblichen Einfluss haben, weil wir dadurch auch Menschen versorgen können, die sich PrEP sonst nicht leisten könnten. In unserem Zentrum gibt es schon jetzt viele Anfragen.

Was sagen Sie Patienten, die auf Heilung hoffen?

Wir haben heute bei HIV eine so genannte sterilisierende Heilung erreicht. Sprich: Die HIV-Therapie verhindert die Vermehrung des Virus und dessen Auswirkungen. Das ist derzeit mehr als sämtliche Bemühungen um eine Komplettheilung oder auch eradizierende Heilung bieten können. Aber eine eradizierende Heilung ist nicht unmöglich und es ist unser oberstes Ziel, sie unseren Patienten anbieten zu können. Solange sie aber nicht realistisch ist, sollte man mit Informationen verantwortungsvoll umgehen und nicht unbegründet Emotionen wecken.

Infos zur PrEP-Studie unter: www.facebook.com/goIZAR

Interview: Christian Lütjens, Fotos: Shutterstock/Michael Moloney