Die aktuellen Zahlen für Syphilis klingen erstmal alarmierend: über 5000 neue Fälle im Jahr 2014, so das Robert-Koch-Institut. Bei 75,2% aller Meldungen aus Städten mit mehr als einer Million Einwohner wurde als Infektionsweg Sex zwischen Männern angegeben, bei 19,3% der 2013 gemeldeten Syphilis-Infektionen unter Männern gingen die Ärzte von einer Re-Infektion aus. Mehr als ein Viertel der Gesamtinfektionen waren  Männer die Sex mit Männern haben, der Anteil von MSM nahm dabei proportional zur Ortsgröße zu und machte in den Metropolen 75 Prozent aller Fälle aus, die 29 -39-Jährigen sind die Hauptbetroffenengruppe, aber die Jüngeren kommen nur knapp dahinter. Die ersten Schreihälse beginnen Panik zu verbreiten und von einer „neuen, alten Lustseuche“ zu schwafeln. Was ganz unnötig ist.

Im Vergleich zu den 70ern oder frühen 80ern ein Lusttropfen aufs heiße Höschen

Denn natürlich ist der Anstieg nicht schön, aber 1500 Syphilisfälle im Jahr sind in einer zwei Millionen Männer zählenden Bevölkerungsgruppe nun auch überhaupt kein Grund für Panikmache und im Vergleich zu den 70ern oder frühen 80ern ein Lusttropfen aufs heiße Höschen. Die Anstiege bei den Diagnosen lassen sich mit dem veränderten Sexualverhalten einiger erklären und damit, dass mehr Leute sich testen lassen, was insgesamt eine gute Sache ist. Für die, die es nicht wussten: Eine Syphilisinfektion kann man sich beim Ficken, Blasen, Fingern, aber auch schon beim Küssen holen. Sie ist, wenn sie früh erkannt wird, so schnell und problemlos zu behandeln wie eine mittelschwere Grippe, ist allerdings nicht so ansteckend, aber dafür unbehandelt in der Lage innere Organe, Knochen und das Rückenmark schwer zu schädigen, und kann tödlich verlaufen. Um die Behandlung möglichst früh beginnen zu können, sollten sich schwule Männer einmal im Jahr auf Syphilis testen lassen, sexuell besonders aktive   und die mit vielen wechselnden Partnern gern öfter. Der Blut-Test ist einfach und kann zusammen mit dem HIV-Test gemacht werden, den hoffentlich sowieso alle Jungs die Sex mit anderen Jungs haben alle sechs Monate machen.

Ohne Test kann man den Beginn einer Syphilis-Infektion leicht verpassen.

Ohne Test kann man den Beginn einer Syphilis-Infektion leicht verpassen. Was auch oft passiert, denn die Anfangssymptome variieren von schwer bis nicht vorhanden und werden so auch mal übersehen. Frühestens eine Woche nach der Übertragung bilden sich kleine, rote Knötchen, dann ein einige Zentimeter großer, weißer Krater am Eintrittsort der Bakterien. Das ist, wenn man Glück hat, an Eichel, der Vorhaut oder am Hoden, wo man ihn gut sehen kann, passiert aber auch auf der Zunge, der Wangenschleimhaut oder, bei analer Übertragung, im Enddarm, wo man ihn nicht sehen kann. Da er nicht schmerzt, wird er hier oft nicht bemerkt, und verschwindet bald wieder. Ist das passiert, ist bereits dein gesamter Körper mit den Bakterien befallen. Es folgen Müdigkeit, leichtes Fieber und ein leichter Ausschlag an Hüfte, Bauch und unterem Rücken, der aber auch wieder verschwindet. In dieser Phase sind der Ausschlag, dein Blut, Spucke und natürlich Sperma ansteckend. Bleibt die Syphilis unbehandelt, kann man sie über Jahre weitergeben.

Vollständiger Schutz vor Ansteckung ist nicht möglich, es gibt aber ein paar einfache Vorsichtsmaßnahmen

Vollständiger Schutz vor Ansteckung ist nicht möglich, es gibt aber ein paar einfache Vorsichtsmaßnahmen, die das Risiko stark senken: keine Schwänze blasen, deren Haut irgendwie „komisch“ aussieht, verfärbte Stellen hat oder Bläschen zeigt, nach jedem Partner Kondome oder Handschuhe wechseln, nach dem Fingern an öffentlichen Sexorten Hände gründlich waschen, und zwar auch hier nach jedem einzelnen Partner, keine nässenden oder schmierigen Stellen anfassen, dein eigenes Gleitgel benutzen und nicht die Finger in Töpfe mit Gleitmittel stecken, in denen schon drei Dutzend andere Jungs ihre Finger drin hatten, die ja vorher sonst wo gesteckt haben können.
Bei Menschen mit HIV verläuft eine Syphilisinfektion meist schneller, schwerer und der Test kann oft „falsch negativ“ ausfallen, deswegen sollten diese Männer besonders auf sich achten. Wird man positiv auf Syphilis getestet, ist das nicht schön, aber, wird die Infektion in einem frühen Stadium festgestellt, wie gesagt kein Beinbruch: ein Antibiotikum tötet die Bakterien in den allermeisten Fällen in ein paar Wochen ab und man ist geheilt. Allerdings sollte man so viele seiner Sexpartner wie irgend möglich informieren, damit auch sie sich testen lassen können. Peinlich, aber fair. Für sie und die, die sie eventuell anstecken, ohne es zu wissen. Wenn sich alle daran halten, sinken die Zahlen in den nächsten Jahren auch wieder. Und das wäre doch super.

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