Vom Warnruf in Berlin bis zum Ausnahmezustand in Kalifornien – 2017 war ein Jahr, in dem sich Hepatitis A mit Gewalt ins Bewusstsein der westlichen Welt zurückfraß. Schwule Männer sind besonders betroffen von der Infektionswelle. Wie konnte es dazu kommen?

Widersprüchlicher kann die Nachrichtenlage kaum sein. Während Ende Oktober zu Beginn des World Hepatitis Summit im brasilianischen Sao Paulo unter anderem der Münchner Merkur und der österreichische Standard „weltweite Erfolge“ im Kampf gegen die Leberentzündung Hepatitis vermeldeten, herrschte zeitgleich im kalifornischen San Diego County der Ausnahmezustand aufgrund des „schlimmsten Hepatitis-A-Ausbruchs der letzten Jahrzehnte“ (CBS News), der bereits zwanzig Todesopfer gefordert hatte. Auch in Los Angeles, Santa Cruz und Michigan waren in den Monaten zuvor alarmierend hohe Infektionszahlen verzeichnet worden. Neben Obdachlosen zählten jeweils auch Schwule zur Hauptbetroffenengruppe. Derweil erholte man sich in Berlin immer noch von einem Hepatitis-A-Alarm, den das Robert-Koch-Institut (RKI) im März ausgerufen hatte: „Seit der Kalenderwoche 46/2016 wurden dem RKI mehr als 80 Hepatitis-A-Fälle in Berlin übermittelt. Bei mehr als 95 Prozent der Fälle handelt es sich um Männer, die mindestens 20 Jahre alt sind (medianes Alter 32 Jahre). Nach Angaben aus der intensivierten Surveillance sind darunter überwiegend Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Die bisherigen Ergebnisse der Ausbruchsuntersuchung deuten darauf hin, dass bei MSM die empfohlene Hepatitis-A-Impfung noch nicht ausreichend umgesetzt wurde und Impflücken bestehen.“ Eine Besonderheit bei den Berliner Fällen war obendrein, dass die Neuinfektionen zu zwei Dritteln HIV-Positive betrafen.

Während sich die Erfolgsmeldungen aus Brasilien auf die B- und C-Typen des Hepatitis-Virus bezogen, bezogen sich die Ausnahmezustände und der Berliner Warnruf ausschließlich auf den A-Typ.

Waren die optimistischen Verkündungen aus Sao Paulo also genauso wertlos wie die Zielsetzung des Hepatitis Summit, Hepatitis bis zum Jahr 2030 zu beenden? Das wäre dann auch falsch. Denn während sich die Erfolgsmeldungen aus Brasilien auf die B- und C-Typen des Hepatitis-Virus bezogen, bezogen sich die Ausnahmezustände und der Berliner Warnruf ausschließlich auf den A-Typ. Die verschiedenen Hepatitis-Typen unterscheiden sich nicht nur im Infektionsverlauf und den Übertragungswegen, sondern vor allem durch die Möglichkeiten der Vorbeugung. Während Hepatitis A schon durch Hautkontakt und Schmierinfektionen übertragen werden kann, ist Hepatitis B eine klassische sexuell übertragbare Infektion und Hepatitis C wird nur durch infiziertes Blut übertragen. Für den schwulen Durchschnittsbürger ist allerdings in erster Linie wichtig zu wissen: Gegen Hepatitis A und B kann geimpft werden (und zwar für Risikogruppen, zu denen Schwule gehören, kostenfrei), gegen Hepatitis C gibt es dagegen keine Immunisierung.

Das wirklich alarmierende an dem Berliner Hep-A-Alarm war somit der Hinweis auf die Impflücken. Das RKI reagierte darauf mit einer deutlichen Anweisung für Ärzte: „Um den Ausbruch bald zu beenden, bitten wir die Berliner Ärzte, bei Personen mit sexuellen Risiken den Impfstatus zu überprüfen und gegebenenfalls eine Hepatitis-A-Impfung durchzuführen. (…) Mit einer einmaligen Impfung sind die geimpften Personen bereits innerhalb von zwei bis vier Wochen nach der Impfung ausreichend geschützt. Um einen Langzeitschutz zu gewährleisten, sollte eine zweite Dosis sechs bis 18 Monate nach der ersten Dosis verabreicht werden. Eine Hepatitis-A-Impfung ist bei HIV-Infektion unbedenklich. Außerdem wird für Kontaktpersonen von Hepatitis-A-Erkrankten (zum Beispiel Haushaltskontakte, Sexualpartner) eine postexpositionelle Impfung mit monovalentem Hepatitis-A-Impfstoff bis zu zwei Wochen nach Kontakt empfohlen.“

Die CSD-Saison begann mit einem Hinweis der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die international zur Vorsicht mahnte, weil sich „Hepatitis A im letzten Jahr unter schwulen Männern in Europa, den USA und Chile stark verbreitet habe.

Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) reagierte zusätzlich, indem es Anzeigen auf schwulen Dating-Apps und Webseiten schaltete und Postkartenaktionen startete, die auf die Möglichkeit der Impfung hinwiesen. Danach folgte ein Sommer voller Gesundheitswarnungen. Die CSD-Saison begann mit einem Hinweis der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die international zur Vorsicht mahnte, weil sich „Hepatitis A im letzten Jahr unter schwulen Männern in Europa, den USA und Chile stark verbreitet habe, und die bevorstehenden Gay-Pride-Events sowie Engpässe bei der Bereitstellung von Impfstoffen zur Verschlimmerung der Situation beitragen könnten“. Zum World Pride in Madrid gab das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) Ende Juni eine Rapid Risk Assessment (kurzfristige Risikobewertung) heraus, die Verhaltensregeln vor, während und nach Madrid mit auf den Weg gab, die da lauteten: Vor dem World Pride impfen lassen, während des World Pride auf Hygiene achten und Safer Sex betreiben, nach dem World Pride verstärkt auf Hep-A-Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Fieber, Durchfall, Abgeschlagenheit sowie Gelbfärbung der Augen achten und gegebenenfalls sofort zum Arzt gehen. Der Hintergrund für diese expliziten Warnungen war, dass in Spanien die Anzahl der Hepatitis-A-Fälle seit 2016 um das achtfache gestiegen war, wobei Männer zwischen 15 und 45 Jahren, die Sex mit Männern hatten, im besonderen Ausmaß betroffen waren.

Der weitergehende Bericht der ECDC liest sich wie ein Krimi. Um die Ursprünge der Infektionsausbrüche zu rekonstruieren, verfolgen die Autoren drei verschiedene Hepatitis-A-Stämme, die sie aus 1.500 Infektionen in 16 europäischen Ländern herausgefiltert haben, zu ihren Ursprüngen zurück. Stamm Nummer Eins lässt sich auf 15 schwule Männer in Großbritannien zurückführen, von denen fünf eine „Reisehistorie“ in Spanien hatten. Stamm Nummer 2 führt zu zwei Teilnehmern des Europride in Amsterdam, die am 2. Und 3. August 2016 im gleichen Darkroom anonymen Sex hatten. Stamm Nummer Drei findet sich unter den erhöhten Fallzahlen von Berlin, unter denen sowohl die Merkmale von Stamm Eins und Zwei auftauchen, aber auch ein drittes Cluster auffällt, das seit August 2016 auch in München und Frankfurt vorgekommen war. Der veraltete Ausdruck von der „Reisegelbsucht“, als welche Hepatitis A bis heute zuweilen bezeichnet wird, ist angesichts dieser Ergebnisse ebenso nachvollziehbar wie Erinnerungen an die „Patient Zero“-Theorien um den kanadischen Flugbegleiter Gaëtan Dugas wach werden, dessen Reisetätigkeit und Promiskuität Anfang der Achtziger Jahre als Ursache für den Ausbruch von AIDS in Nordamerika galten (eine Theorie, die sich später als haltlos herausstellte).

In der ersten Novemberwoche äußerte LaGeSo-Refaratsleiter Daniel Sagebiel, dass das Hepatitis-A-Problem in der deutschen Hauptstadt noch nicht zu Ende sei.

Dass auch die amerikanischen Hepatitis-A-Fälle auf die europäischen Cluster zurückgehen, ist unwahrscheinlich. Aber sie treiben einen Trend auf die Spitze, der Fragen nach Versäumnissen in der Impf-Aufklärung ebenso aufwirft wie Fragen nach der rechtzeitigen Krankheitserkennung. Hepatitis A wirkt durch die oben genannten Symptome zwar sehr schwächend, gilt aber grundsätzlich als Infektion mit einem milden Verlauf, die nur in Ausnahmefällen und bei Vorerkrankungen zum Tod führt. Die zwanzig Todesfälle in Kalifornien sind also ebenso alarmierend wie die zehn Todesfälle, die infolge des jüngsten Ausbruchs aus Michigan gemeldet wurden. Auch die rasante Verbreitung unter Homos gibt zu denken. Das California Department of Public Health zählte im September 14 Hepatitis-A-Infektionen bei schwulen oder bisexuellen Männern, während es im Vorjahr nur neun und noch ein Jahr früher nur eine gewesen waren. In der schwulen Szene von San Diego gab es 13 Krankheitsfälle, wo es normalerweise nur einen pro Jahr gibt.

Derweil gibt es für den Berliner Alarm aus dem Frühling noch keine Entwarnung. In der ersten Novemberwoche äußerte LaGeSo-Refaratsleiter Daniel Sagebiel, dass das Hepatitis-A-Problem in der deutschen Hauptstadt noch nicht zu Ende sei. Vielmehr bestehe es auf niedrigerem Niveau weiter. Waren in den fünf Monaten von November 2016 bis April 2017 insgesamt 85 Neuinfektionen gemeldet worden, waren es in den sieben Monaten von April bis November „nur“ noch 59. Insgesamt zählte Berlin innerhalb des letzten Jahres damit 144 Hepatitis-A-Infektionen. In den fünf Jahren zuvor waren es pro Jahr durchschnittlich 37 gewesen. Das bedeutet einen Anstieg um fast 400 Prozent. Unter diesen Umständen wird der Aufruf zu flächendeckenden Impfungen auch im neuen Jahr akut bleiben, und schwule Männer werden weiterhin Adressaten dieser Aufrufe bleiben. Bereits 2017 hatte das RKI die aktuelle Lage als Anlass für eine umso engagiertere Unterstützung der Europäischen Impfwoche genommen. In der von der WHO initiierten Aktionswoche, die 2018 vom 23. Bis 29. April stattfindet, soll die Bevölkerung für die Bedeutung von Impfungen in jeder Lebensphase sensibilisiert werden. Denn: „Während die Impfquoten in Deutschland im Allgemeinen gut sind, gibt es dennoch immer wieder Teile der Bevölkerung, bei denen der Impfschutz nur unzureichend ist“, so das RKI. Ob die schwule Szene auch zu diesen Teilen der Bevölkerung gehört? Der Alarm der letzten Monate legt diesen Gedanken nahe. Dabei halten wird uns doch eigentlich immer für so aufgeklärt, oder? Zeit endlich Schluss zu machen mit den Widersprüchen.

 

HEPATITIS A – DIE FAKTEN

Hepatitis A ist eine durch das Hepatitis-A-Virus hervorgerufene Leberentzündung, die sich durch Bauchschmerzen, Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Mattigkeit und unterschiedlich starke Ausprägungen von Gelbsucht (Gelbfärbung von Haut und Augen) äußert. Das Virus wird fäkal-oral durch Schmierinfektionen im Rahmen enger Personen- oder Sexualkontakte oder durch Blut übertragen. Auch kontaminierte Lebensmittel (häufig Muscheln oder Austern), Wasser oder Gebrauchsgegenstände können Überträger sein. Eine erhöhte Infektionsgefahr liegt bei Männern, die Sex mit Männern haben. Nach der Infektion kann es zwischen 15 und 50 Tagen dauern, bis eine Krankheitsphase auftritt, die unterschiedlich stark verläuft. Bei manchen fällt sie kaum auf, andere (besonders chronisch Kranke) fesselt sie mehrere Wochen ans Bett. Eine spezifische Therapie gibt es nicht. Bettruhe, Alkoholabstinenz und kohlehydratreiche, fettarme Nahrung werden empfohlen. Nach zwei bis vier Wochen ist die Infektion in der Regel ausgeheilt. Nach einmaliger Erkrankung ist der Patient lebenslang immun. Eine Impfung bewirkt diese Immunität schon vorher. Sie ist für schwule Männer kostenlos, weil sie eine Risikogruppe darstellen.

Text: Axel Neustädter, Grafik: Shutterstock.com/Kateryna Kon