Robin Campillo kommt sichtlich abgehetzt zum Interview. Auf dem Weg zum Filmfest in San Sebastián ging sein Gepäck verloren und er musste sich für die Premiere seines Films noch schnell einen Anzug besorgen. Er ist dann trotzdem bester Laune und spricht voller Leidenschaft über seinem Film „120 BPM“ und die AIDS-Aktivistengruppe ACT UP, zu der Campillo (55) auch selbst gehörte und die Anfang der Neunziger Jahre in Paris mit spektakulären Aktionen gegen die Ignoranz von Politik, Gesellschaft und Pharmaindustrie protestierte.

Nach der Weltpremiere von „120 BPM“ im Mai in Cannes sind alle begeistert von Ihrem Film, er wurde am Ende mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und geht für Frankreich ins Oscar-Rennen. Hat Sie diese Resonanz überrascht?
Ich wollte mit diesem Film unbedingt nach Cannes, weil es das wichtigste Filmfestival weltweit ist. „120 BPM“ sollte die größtmögliche Aufmerksamkeit bekommen, ich wollte ihn im Wettbewerb, damit niemand an ihm vorbeikommt. Aber ich hätte nie erwartet, dass Menschen so emotional auf mich und den Film reagieren. Und das machte mir zwischendurch ein bisschen Angst, weil plötzlich nicht mehr der Kampf gegen AIDS, sondern ich im Mittelpunkt stand. Aber mittlerweile ist der Film in Frankreich angelaufen, die Kritiken waren überwältigend und es haben ihn schon über 800.000 Menschen gesehen. Was vielleicht auch auf einem Missverständnis beruht. Viele sagten mir, „120 BPM“ wäre ein universeller Film über politischen Ungehorsam. Nein! Ich habe die Geschichte einer ganz bestimmten Gruppe von Aktivisten erzählt und sie reden offen und ausführlich über HIV und AIDS und schwulem Sex. Ich habe nie versucht, den Film „massentauglich“ zu machen, es ging nie darum, dass er möglichst vielen Leuten gefällt.  Aber vielleicht hat sich die Einstellung des Publikums geändert und es akzeptiert heute Themen und Geschichten, bei denen es das es vor zehn oder fünfzehn Jahren noch nicht getan hätte.

Robin Campillo (Foto: Celine Nieszawered)

Währenddessen rückt die Politik in Frankreich, Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten nach rechts. Wie erklären Sie sich diese beiden gegensätzlichen Phänomene?
Michel Foucault hat mal formuliert: Auf jede starke Bewegung folgt sehr schnell eine Gegenbewegung. Das ist auch eine gesellschaftliche Mechanik. Und ich bin mir sicher, dass „120 BPM“ so eine Resonanz hervorgerufen hat, weil wir in Frankreich gerade eine politische Wüste haben, niemand weiß mehr, wie man Leute mobilisiert. Die letzte große, von Bürgern getragene Protestbewegung in Frankreich war gegen die Gleichstellung der Ehe, völlig reaktionär. Und mein Film hat die Leute wieder daran erinnert, dass es einmal die Unterdrückten und Marginalisierten waren, denen die Straße gehörte. Die Generation der heute unter 25-jährigen kennt die Geschichte der Schwulenbewegung kaum noch. Deswegen ist es so wichtig, daran zu erinnern.

HIV hat durch den medizinischen Fortschritt für viele den Schrecken verloren, Kondome gelten, dank PreP, einigen mittlerweile als optional. War es auch eine Motivation des Films, daran zu erinnern, dass AIDS noch immer eine unheilbare und tödliche Krankheit ist?
Ich wollte nie einen Historienfilm drehen, ich wollte klarmachen, dass er auch uns heute betrifft. Es gibt eine große Verdrängung, was die Gefahr angeht. Für einen schwulen Mann wie mich, ich bin 1962 geboren, waren Kondome und Safer Sex eine unglaubliche Befreiung. Als uns klar wurde, dass sie schützen, war das wie eine zweite sexuelle Revolution. Ich musste nicht mehr fragen, ob jemand positiv war, ich musste mir keine Sorgen mehr machen. Heute habe ich den Eindruck, dass Gummis eine Art Feindbild geworden sind, ich habe wirklich Schwierigkeiten, das zu verstehen. Es ist eine großartige Errungenschaft, dass Schutz durch Therapie funktioniert und Leute mit Medikamenten unter der Nachweisgrenze und damit praktisch nicht mehr ansteckend sind und das PrEP einen ähnlich sicheren Schutz wie Kondome gewährleistet. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die jungen Leute sich dessen bis ins Detail bewusst sind oder es nur oberflächlich als magische neue Freiheit wahrnehmen, ohne sich wirklich danach zu richten und zu schützen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Aufklärung verstärken und den Preis für PrEP weltweit senken müssen. Aber ich habe meinen Spielfilm vor allem gemacht, weil wir damals unsere Liebhaber, Partner und Freunde verloren haben. Ich wollte zeigen, wie wichtig Solidarität und Zusammenhalt und Zuneigung sind. Die sind alles andere als kitschig, sie sind die Basis.

Was muss sich für Sie aus Aktivisten-Sicht ändern?
Wir müssen wieder viel stärker klar machen, wie wichtig es ist, sich testen zu lassen – und das regelmäßig! Es ist nötig, dass jeder Mensch seinen HIV-Status kennt, egal welche sexuelle Orientierung er hat. Wer sich heute frisch infiziert, hat eine hohe Chance, mit Medikamenten lange gut zu leben. Das ist der große Unterschied zu der Zeit vor 25 Jahren. Und es gibt großartige Organisationen, die in Saunas, Cruising Bars und so weiter gehen und aufklären, andere kümmern sich um Sexworker oder Drogengebraucher. Ohne diese sehr spezifizierten Angebote werden wir scheitern, denn das sind Gruppierungen, die kaum etwas miteinander zu tun haben. In Frankreich gibt es zum Beispiel ein Gesetz, das Männer rechtlich verfolgt, die Dienste von SexworkerInnen* in Anspruch nehmen. Das hat zur Folge, dass Vieles im Dunkel abläuft und damit gesundheitlich riskant ist.

Es ist aber nicht nur eine politische und juristische, sondern für viele auch eine moralische Frage, oder? Menschen, die PrEP nehmen, werden schnell als unverantwortlich und Schlampen abgestempelt.
Ja! Aber was gibt es Tolleres, als eine Schlampe zu sein? Eine Epidemie lässt sich doch nicht mit solchen moralischen Standards bekämpfen. Ich bin selbst gern eine Schlampe. Aber wir müssen über all das reden können. Als ich selbst Teil von ACT UP war, hatten wir die Regel, dass wir beim ersten Date nach ein paar Minuten über AIDS und unseren HIV-Status reden, um Klarheit zu schaffen. Und all das sollte auch im Film vorkommen, weil das ein Großteil des Publikums nicht weiß. Wir haben heute die besten Mittel seit dem Aufkommen von AIDS, um die Epidemie einzudämmen, aber wir nutzen sie nicht.

Sie sind selbst 1992 ACT UP beigetreten, aus Wut über die allgemeine Ignoranz gegenüber dem Sterben. Wie sind Sie damals mit dieser Wut umgegangen und welchen Einfluss hatte sie beim Drehen des Films?
Die Wut entstand, weil ich zehn Jahre lang nicht verstand, was passierte. 1982 war ich Anfang Zwanzig und las den ersten Artikel über AIDS, das damals noch „Schwulenkrebs“ hieß. Es war wie ein Todesurteil und von der Regierung gab es darauf jahrelang null Reaktion. Bis dahin war alles prima gewesen. Ich hatte mich wohlgefühlt als Schwuler, ich sah mich in der Tradition von Oscar Wilde und Jean Genet, ich war ein junger Dandy und genoss mein schwules Leben, ohne es jedem zu erzählen. Meine Familie wusste nichts davon, ich war „im Schrank“. Aber im Laufe der Jahre wurde mir in dieser Angst klar, dass ich mich niemanden hatte, dem ich mich anvertrauen konnte. Der Schrank wurde zur Falle. In dieser Zeit hatte ich meinen ersten festen Lover, er war bisexuell und schlief mit allen. Irgendwann brach die Krankheit bei ihm aus. Sechs Jahre lang hatte ich danach mit niemandem Sex, aus Angst, mich anzustecken. Schließlich musste ich mich fragen: Was tun wir uns da an? Auch ein Grund für diesen Film. Und ich beginne ihn mit einem Foto meines ersten Freundes, der damals an AIDS starb. Mir war egal, was seine Eltern davon halten, es ist unsere Geschichte und ich fühlte mich so hilflos. Viele Menschen waren damals sehr unsensibel. Mein älterer Bruder zum Beispiel machte 1984 noch blöde Witze darüber, dass sein schwuler Kumpel sicher bald abkratzen würde. Niemand scherte sich darum, dass wir alle sterben würden. Natürlich waren wir deswegen wütend!

Aber Sie waren lange Zeit eine Minderheit innerhalb der Minderheit. Wie groß war der Widerstand innerhalb der schwulen Szene?
Ein Großteil der Szene leugnete die Epidemie, man wollte sich damit lange Zeit nicht auseinandersetzen. Unsere Aktionen empfanden sie als Angriff, dabei bekämpften wir doch nicht die Menschen in der Szene, sondern die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der Krankheit. Der Skandal war doch, dass sich weder Politik noch Pharmaindustrie ihrer Verantwortung stellten. Aber wir machten auch klar, dass jeder Einzelne Verantwortung trägt. Wenn sich jemand bei Dir infiziert, bist du verantwortlich. Und deshalb haben wir sie auch nicht in Ruhe gelassen und sie damit konfrontiert, mit Plakaten und Demonstrationen. Aber uns wurde vorgeworfen, wir würden damit moralische Gewalt ausüben, dabei waren es AIDS und die Ignoranz der Krankheit gegenüber, die uns tötete. Wir waren es einfach leid, die armen schwulen Opfer dieser Seuche zu sein, die verrecken und niemanden kümmert es. Wir wollten die Öffentlichkeit aufrütteln und wenn wir damit ein paar schwule Spießer verschrecken, haben wir das in Kauf genommen.

Heute drehen Sie einen Film darüber und machen sich damit erneut angreifbar. Wie haben Sie diese Selbstsicherheit gefunden?
Die Kampf gegen die Epidemie hat mich lange beschäftigt und davon abgehalten, irgendetwas anderes zu tun, zum Beispiel Filme zu machen. Das Kino erschien mir schlicht nicht relevant im Vergleich dazu. Ich habe lange gebraucht und gekämpft, um stark genug zu sein, als Mensch und als Regisseur, diese Geschichte zu erzählen. ACT UP hat mir dabei geholfen, ohne dass ich es wusste. Denn AIDS ist kein „Filmprojekt“, aber ich bin daran gewachsen. Bis mir klar wurde, dass ich keinen Film über die Krankheit machen muss, sondern über unseren Kampf dagegen, der uns zusammengeschweißt und stärker gemacht hat.

Wie blicken Sie heute auf diese Jahre zurück?
Ich kann keine Nostalgie empfinden, das ist unmöglich. Aber ich vermisse die Menschen, die ich verloren habe. Ich habe den Film gemacht, um mich von meiner Jugend zu verabschieden. Das war ein wichtiger Prozess für mich.

Interview und Text: Thomas Abeltshauser, Fotos: Edition Salzgeber

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