Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ist gut drauf. Seit er 2013 an der Spitze des Bundesgesundheitsministeriums steht, hat es beim Thema Schutz durch Therapie und PrEP große Fortschritte gegeben. Mit der M+ redet er über die gegenwärtige und wohl auch zukünftige HIV-Politik in Deutschland und darüber, warum zu sexueller Gesundheit auch Eigenverantwortung gehört 

Herr Gröhe, warum unterstützen sie in diesem Jahr die Welt-AIDS-Tags Kampagne von DAH und BZgA unter dem Motto #positivzusammenleben?
Weil das nötig ist und ich es gerne tue. Nachdem es so viel erfreulichen medizinischen Fortschritt gibt, und so viel an Ängsten nun wahrlich nicht mehr begründet ist, ist es wichtig, die Botschaft, dass Menschen öfter mehr unter der Stigmatisierung und Ausgrenzung als an den Folgen einer Infektion leiden, breit in die Welt zu tragen, damit wir noch erfolgreicher dagegen angehen können. Damit wir neben den medizinischen Fortschritt auch den gesellschaftlichen Fortschritt stellen können, der Ausgrenzung wirksam überwindet und damit auch zur Bereitschaft führt, sich früh testen zu lassen, weil man keine Angst vor einem positiven Testergebnis mehr haben muss. Diese Konzepte gemeinsam weiterzuentwickeln und in den Mittelpunkt zu stellen, ist ein wichtige Eckpfeiler dieser Kampagne.

Das wichtigste Wort in der Kampagne ist „Weitersagen!“. Mit wem sprechen sie denn über HIV?
Das fängt bei meinen eigenen Kindern an.

Und, was sagen Sie denen?
Wir sprechen unter anderem über Ängste. Darüber, wie sie erleben müssen, dass in ihrem Freundeskreis immer noch über HIV gesprochen wird, wie da über HIV-Positive diskriminierend und ausgrenzend geredet wird, und wie man sich dem wirksam entgegenstellt. Aber auch berufsbedingt habe ich natürlich jede Menge Anlässe zu Gesprächen über HIV. Mir sind zum Beispiel meine Gespräche mit der Ärzteschaft in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Weil es auch dort immer noch Diskriminierung gibt. Es freut mich sehr, dass sich Ärzte- und Zahnärztekammern dessen immer mehr bewusst sind und mit anpacken. Es kann doch nicht sein, dass HIV-Positive gerade dort Ausgrenzung erfahren, wo sie sie am wenigsten erwarten sollten, beim medizinischen Fachpersonal. Das dass überwunden wird, ist mir ein wichtiges Anliegen.

Wenn wir gerade bei Ärzten sind: Die Schwerpunktärzte in Deutschland haben sich für die breite Einführung der PrEP und deren Finanzierung durch die Krankenkassen ausgesprochen. Wie steht denn das Bundesgesundheitsministerium dazu und wie lange müssen wir darauf noch warten?
Wir hatten ja schon vor einer ganzen Zeit erwartet, dass durch Generika bei der PrEP eine Preisreduktion um 90 Prozent erreicht werden kann. Das ist passiert und auch die Verfügbarkeit hat sich in den letzten Monaten deutlich und erfreulich verbessert. Es ist gut und richtig, in die Gesamtbotschaft einzubinden, dass PrEP ein wichtiger Schutz für bestimmte Bevölkerungsgruppen sein kann, aber gleichzeitig Kondomverzicht nicht angesagt ist, wenn man an die Übertragungswege für andere sexuell übertragbare Infektionen denkt. Der Gesamtblick auf das Risiko ist wichtig.

Dazu gehört auch die Finanzlage der Patienten. Aktivisten und Ärzte sind, wie gesagt, für eine Finanzierung der PrEP durch die Krankenkassen. Wird es die geben?
Dass sich das Aktivisten wünschen, kann ich bestätigen. Aber, es gibt auch eine ganze Reihe anderer Medikamente, in deren Gebrauch sich auch Eigenverantwortung ausdrückt. Das beginnt bei der Anti-Baby-Pille. Zu Gesundheit in sexuellen Kontexten gehört auch Eigenverantwortung. Da die erhebliche Preissenkung weitgehend vermeidet, dass PrEP-Konsum eine Frage von Vermögen oder sozialem Status ist, sind wir, denke ich, da schon jetzt einen großen Schritt weiter.

Ein weiteres wichtiges Thema der Kampagne ist „Schutz durch Therapie“. Lässt sich das den Kollegen im konservativen Lager nach 25 Jahren Kondomdiktat leicht vermitteln?
Der große Vorteil in der deutschen HIV-Politik ist, dass wir, im Unterschied zu vielen anderen Ländern, einen lagerübergreifenden Konsens haben. Der besteht in zielgruppengerechter Aufklärung, bestmöglichem Schutz und Entstigmatisierung. Die Debatte darum ist in allen politischen Parteien von einer großen Sachlichkeit geprägt. Ich kenne niemanden in der sich gerade abzeichnenden Koalition, der daran rütteln wollte. In anderen Ländern, den USA zum Beispiel, sind Regierungswechsel auch immer mit starken Verschiebungen in der Gesundheitspolitik verbunden, gerade bei sexueller Gesundheit und HIV/AIDS. In Deutschland hat meine Vorgängerin und Parteikollegin Rita Süssmuth vor mehr als 25 Jahren so stabile – und ja auch überaus erfolgreiche – Grundlagen geschaffen, dass die in Sondierungsgesprächen niemand in Zweifel ziehen wird.

Interview: Paul Schulz, Foto: BMG Jochen Zick (action press)