Als Lillian im Jahr 2000 aus Uganda nach Deutschland kam, war nicht abzusehen, dass sie mehr als
anderthalb Jahrzehnte später unter dem Motto „Gegen HIV habe ich Medikamente. Und deine Solidarität?“
eins der Gesichter der Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe zum Welt-AIDS-Tag 2017 sein
würde. Schon, weil sich die allermeisten Menschen ziemlich sicher waren, dass sie dafür gar nicht lange
genug leben würde. Als sie in Halberstadt ihren Asylantrag stellt, kann sie plötzlich nicht mehr atmen.
Im Krankenhaus lautet die Diagnose: eine viel zu lange unbehandelte HIV-Infektion. Lillian ist dem
Tode nah. Aber sie hat einen Kerl, der sie liebt, an ihrer Seite: Gott. „Tief in mir drin habe ich gedacht:
Du lebst weiter“, sagt die 47-Jährige heute. „Wenn du so kurz vor dem Tod bist wie ich es war, kommst
du an einen Punkt, an dem es wirklich egal ist, was andere Menschen zu wissen glauben. Du gehst in
dich hinein und dein Umfeld verschwindet, weil es ja nur du bist, die da überleben muss. Deine Welt
findet für eine Weile nur in dir selbst statt. Da waren nur ich und Gott.“ Ihr großer Beschützer hat Lillian
seitdem viel gelehrt. Er hilft ihr auch heute noch dabei, in sich zu ruhen. Wer glaubt, dass Christen
niemanden verurteilen und Gottes Liebe einfach weitergeben sollten, ist bei Lilian genau richtig. Wenn
man sie 2017 trifft, merkt man sofort: Sie ist zwar nicht besonders groß, aber unglaublich stark. Hinter
ihrem immer freundlichen Lächeln stecken Durchsetzungskraft, unbändige Neugierde und eine riesige
Portion Lebensfreude. Wir haben uns erzählen lassen, wie es dazu kam.

Lillian, deine Botschaft zum Welt-AIDS-Tag 2017 lautet „Gegen HIV habe ich Medikamente. Und deine Solidarität?“ Warum?
Weil diese Solidarität oft fehlt. Wir haben so viel gemacht, das dazu geführt hat, dass Positive jetzt unter einander gut klar kommen. Aber die Unterstützung der Gesamtgesellschaft und ein selbstverständlicher Umgang mit HIV fallen vielen noch schwer. Ich will über meine Teilnahme an der Kampagne dabei helfen, dass Menschen wie ich besser leben können. Dass unser Leben nicht von der Infektion definiert wird. Ich bin noch so viel mehr als nur positiv: Mutter, Schwester und Tochter. Ich bin jemandes Ehefrau, eine gute Freundin für viele und ein Clown für Kinder. Das geht bei vielen unter, wenn ich sage, „Ich bin HIV-positiv“.

Was muss sich denn ändern?
Negative müssen sich darüber bewusst werden, was es heute bedeutet, positiv zu sein. Und Positive müssen die vielen bemerkenswerten Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte noch mehr nach außen tragen. Es gibt so viel Wunderbares: Positive Frauen können Kinder bekommen, mit negativen Partnern ein langes Leben leben, sich auf ihr Alter freuen. Und ich selbst habe ja auch viel Solidarität erfahren, hier in Deutschland. Ich war sehr krank und habe Medikamente bekommen, die mich gesund gemacht haben. Dafür bin ich dankbar und möchte jetzt weitergeben, was mir gegeben wurde.

Gab es diese Solidarität auch auf privater Ebene?
Ja, besonders bei meinem Mann. Wir lernten uns kennen und er hat mir sehr deutlich gemacht: Mit HIV kann man leben. Er hat mich zu Schulungen und Treffen geschickt und hat auch vielen anderen Menschen geholfen. Dann habe ich angefangen, ihn dabei zu unterstützen, mich um die Migranten in der AIDS-Hilfe Saar zu kümmern und bin in den letzten fünfzehn Jahren so immer engagierter geworden.

Im Krankenhaus kam heraus, dass ich nicht nur HIV hatte, sondern auch Tuberkulose. Außerdem war ich völlig unterernährt. Ich hatte nur noch sieben Helferzellen, es sah schlimm aus.

Wie ging es dir denn, als du nach Deutschland kamst?
Sehr schlecht. Als ich in Halberstadt meinen Asylantrag gestellt habe, konnte ich plötzlich nicht mehr atmen und landete in der Notaufnahme. Im Krankenhaus kam heraus, dass ich nicht nur HIV hatte, sondern auch Tuberkulose. Außerdem war ich völlig unterernährt. Ich hatte nur noch sieben Helferzellen, es sah schlimm aus.

Wer hat dich damals noch unterstützt?

Als erstes eine Sozialarbeiterin. Als es mir wieder besser ging, wurde ich schwanger. Ein Arzt hat mir gesagt, dass ich mein Baby wegen meiner gesundheitlichen Situation abtreiben müsste. Ich hatte aber schon einmal ein Kind verloren, mein Sohn war krank und ist gestorben. Auch ein Grund, warum ich damals, obwohl ich HIV, aus Uganda weg bin: Ich selbst wollte es meiner Mutter nicht zumuten, dass ihr Kind vor ihren Augen stirbt. Aber als ich dann selbst schwanger war, habe ich gedacht: Das macht Gott nicht noch einmal. Also habe ich mich entschieden, das Kind zu bekommen. Das ging nur, weil eine Sozialarbeiterin mich jeden Monat zur Charité in Berlin begleitet hat.

Musstest du deine Familie davon überzeugen, dass es eine gute Idee ist, bei der Welt-AIDS-Tags-Kampagne dabei zu sein?

Nein. Mein Mann ist auch positiv und wir arbeiten beide im Saarland in der HIV-Selbsthilfe. Und als ich meiner Tochter die Frage gestellt habe, ob es für sie auch o.k. wäre, wenn eins meiner Plakate an der Bushaltestelle vor ihrer Schule auftaucht, hat sie gesagt: „Ja, klar ist es das.“ Sie ist da sehr selbstbewusst und macht jetzt schon an der richtigen Stelle den Mund auf, wenn sie will. Erst neulich hat sie in der Schule einen Vortrag über HIV gehalten und den mit der Botschaft beendet, HIV-Positive könnten jetzt ein gutes und langes Leben führen. Aber ich kenne und arbeite auch mit so vielen Menschen, die noch so viele Probleme mit HIV haben, weil sie oder ihre Umgebung zu wenig wissen. Es wird noch viel stigmatisiert und diskriminiert.

Hast du als Positive selbst auch schon direkte Diskriminierung erfahren?

Das ist schwierig zu sagen. Denn wenn ich diskriminiert werde, kann das ja aus allen möglichen Gründen passieren: weil ich eine Frau bin, weil ich eine POC bin, weil ich Migrantin bin, weil ich positiv bin. Bei Mehrfachdiskriminierung ist es nicht so einfach zu sagen, welche Schublade da jetzt gerade als Erstes oder am weitesten aufgegangen ist.

Sie wissen nicht, dass HIV keine Krankheit ist, dass wir gut damit leben können, dass wir auf Therapie nicht ansteckend sind. Mich überrascht, dass es nicht weiter geht und Standpunkte sich offenbar nur sehr langsam ändern.

Was nervt dich am meisten, wenn du mit Leuten über deine HIV-Infektion redest?

Genervt bin ich eigentlich nie. Aber oft überrascht davon, dass die Leute nach so vielen Jahren, immer noch nicht besser Bescheid wissen. Sie wissen nicht, dass HIV keine Krankheit ist, dass wir gut damit leben können, dass wir auf Therapie nicht ansteckend sind. Mich überrascht, dass es nicht weiter geht und Standpunkte sich offenbar nur sehr langsam ändern.

Du wirkst so, als würdest du komplett in dir ruhen. Wie kommt das?

Ich bin ein religiöser Mensch, wiedergeborene Christin. Gott ist immer bei mir.

Wie bekommt man deinen Gott und die HIV-Arbeit, die ja hauptsächlich von schwulen Männern geprägt ist, übereinander?

Heute fällt mir das sehr leicht. Aber ich hatte eine Phase, wo ich keinen Umgang mit schwulen Männern wollte. 2004 habe ich mich auf eine Annonce hin, als Reinigungskraft vorgestellt. Auf dem Klingelschild standen zwei Männernamen. Ich dachte, das wäre ein Büro oder eine Kanzlei. Als ich dann in die Wohnung kam, haben mich zwei Männer empfangen, die offensichtlich ein Paar waren. Da bin ich wieder nach Hause und habe zu meinem Mann gesagt: „Ich will da nicht arbeiten. Das sind zwei Männer, die miteinander knutschen.“ Er hat geantwortet: „Und? Ist doch super. Dann tun sie dir garantiert nichts.“ Aber, obwohl ich nicht gleich an Sodom und Gomorra gedacht habe, habe ich mich für eine Weile schwer getan mit der Situation. Inzwischen kann ich sagen: Das sind die besten Menschen, die ich je in Deutschland kennengelernt habe. Wir sind befreundet, sie kommen zu den Geburtstagen meiner Tochter und wir sind wie Familie füreinander. Wir haben uns gegenseitig auf- und angenommen. Gläubige machen oft den Fehler, zu denken, sie wüssten genau, was Gott will. Aber Gott weiß so viel mehr als wir und sieht im Gegensatz zu uns alles. Deswegen müssen wir die Bewertungen schon ihm überlassen. Wir verteilen auf Erden nicht die Schlüssel fürs Himmelreich oder zur Pforte zur Hölle. Und, sind wir nicht alle „Sünder“? „Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet“ und „Leben und leben lassen“. Daran halte ich mich. Das macht es Gott mit mir leichter, denke ich. Und mir selbst natürlich auch

Woher kommt dein Bedürfnis, solidarisch mit anderen zu sein?

Ich war schon als Kind so. Wir sind eine große Familie und jeder musste für den anderen da sein. Ich habe schon damals in der Kirchengemeinde gearbeitet und mich für andere eingesetzt. Das hat mir dann auch geholfen, als ich erfahren habe, dass ich positiv bin.

 

Die UN möchte es schaffen, dass bis 2030 niemand mehr auf der Welt an AIDS erkrankt oder daran stirbt. Hältst Du das für realistisch?

In der ersten Welt, also im Westen? Oder auf der ganzen Welt? In der ersten Welt ist das sicher zu schaffen, aber ob das in Afrika klappt, daran habe ich so meine Zweifel. In Deutschland und in vielen anderen westlichen Ländern, geht es gerade um PREP, also schon um Vorbeugung. Aber in vielen Gegenden Afrikas gibt’s noch nicht mal eine erste Tablette für alle Positiven, die sie dringend zum Überleben brauchen. Ich bin jetzt seit 17 Jahren in Deutschland. Bis 2030 sind es nur noch 13 Jahre. Hätte sich die Welt in den letzten Jahren so sehr und schnell verändert, wie es nötig wäre, um das bis 2030 überall zu schaffen, viele Menschen die ich betreue, wären gar nicht hier. Die würden ja in ihrem Herkunftsland eine Überlebenschance haben und bräuchten gar nicht fliehen. Vor Krieg und Hunger und Vertreibung. Aber auch, um Medikamente zu bekommen, ohne die sie einfach sterben. Zusammengefasst: Ich glaube, das klappt bis 2030 vielleicht in einigen Ländern auf der Welt. Aber viele andere werden länger brauchen. Es wird noch dauern bis die Welt wirklich eine Welt wird, in der sich alle gleichermaßen umeinander kümmern und füreinander sorgen.

Interview: Paul Schulz, Foto: welt-aids-tag.de

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