Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat in einem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt angekündigt, dass die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) noch in diesem Jahr in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen werden soll.  Spahn will dafür sorgen, „dass Menschen mit einem erhöhten Infektionsrisiko einen gesetzlichen Anspruch auf ärztliche Beratung, Untersuchung und Arzneimittel zur Präexpositionsprophylaxe erhalten“. Das Vorhaben soll noch in diesem Monat auf den Weg gebracht werden, so der Minister.

Spahn will laut dem Ärzteblatt, dem bestehenden Wildwuchs, den es derzeit rund um PrEP in Deutschland gebe, „ein strukturiertes Angebot entgegensetzen“. „Denn nur richtig genommen, wirkt es. Falsch gemacht, steigt im Gegenteil eher das Risiko von Resistenzen und Ansteckungen“. Für ihn sei PrEP „ein wirksamer Schutz gegen HIV“. PrEP ist in vielen anderen Ländern und Regionen der Welt längst ein weiteres, sehr erfolgreiches Mittel im Kampf gegen AIDS und beim Schutz vor HIV.

„Meilenstein für die HIV-Prävention in Deutschland“

Auch Details gab Spahn in Vorfeld der am Montag in Amsterdam beginnenden Welt-AIDS-Konferenz schon bekannt: Versicherte mit erhöhtem HIV-Infektionsrisiko sollen Anspruch auf PrEP erhalten. Die Hauptzielgruppe des Medikaments seien Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Zum richtigen Gebrauch der PrEP gehört eine ärztliche Beratung, sowie regelmäßige ärztliche Untersuchungen, die Tests auf andere sexuell übertragbare Infektionen einschließen. Verschreiben sollen die PrEP in Zukunft nur Ärzte und Ärztinnen, „mit entsprechenden Kenntnissen und Erfahrung“.

Wer genau zu den Anspruchsberechtigten zählt, legen die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherer in Verhandlungen fest. Laut Ärzteblatt soll der Bewertungsausschuss „innerhalb von drei Monaten eine Vergütung im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) dafür festlegen“.

Die Deutsche AIDS-Hilfe hat sich lange für die Kostenübernahme eingesetzt und begrüßt die Initiative des Ministers. Dazu erklärt Winfried Holz vom Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe: „Die neue Regelung ist ein Meilenstein für die HIV-Prävention in Deutschland. Die Kassenfinanzierung wird Menschen den Zugang zur HIV-Prophylaxe eröffnen und damit zahlreiche Infektionen verhindern. Sie ist der entscheidende Schritt, um das Potenzial dieser Maßnahme auszuschöpfen.“

Kostenübernahme schafft Zugang

Bisher müssen PrEP-Nutzer_innen die Kosten selber tragen. Die Medikamente schlagen dabei mit 50 bis 70 Euro zu Buche, hinzu kommen ärztliche Beratung und die erforderlichen Begleituntersuchungen. Menschen mit geringem Einkommen sind praktisch ausgeschlossen. Schätzungsweise 5.000 Menschen lassen sich bisher die PrEP verschreiben – laut einer Studie der Universität Essen überwiegend Besserverdienende. „Schutz vor HIV darf nie am Geldbeutel scheitern. Es ist dringend an der Zeit, diese Lücke in der HIV-Prävention zu schließen“, betont DAH-Vorstand Winfried Holz. Aufgrund der Kosten beziehen zurzeit nicht wenige Menschen die Medikamente kostengünstig aus dem Ausland – teils ohne ärztliche Begleitung. Auch wegen der damit verbundenen Risiken will Spahn einen regulären Weg für alle eröffnen.

Immer mehr Länder ermöglichen PrEP

Die PrEP kann die Zahl der HIV-Infektionen in Deutschland nach einer Studie der Universität Rotterdam bis 2030 um rund 9.000 verringern. Auch Erfahrungen aus Australien, den USA und England zeigen: Wo die PrEP zugänglich ist, gehen die HIV-Infektionen zurück. Dies spart langfristig Kosten für lebenslange HIV-Behandlungen. Immer mehr Länder schaffen Zugang zur PrEP, zuletzt die Niederlande. „Die PrEP nützt sowohl den Menschen, die sie anwenden, als auch dem Gesundheitssystem“, betont DAH-Vorstand Winfried Holz. „Die neue Regelung ist fachlich geboten und dringend notwendig.“

Bei der HIV-Prophylaxe PrEP nehmen HIV-negative Menschen mit besonders hohem HIV-Risiko vorsorglich ein HIV-Medikament mit zwei Wirkstoffen. Es schützt zuverlässig vor einer Ansteckung. Wichtig ist dabei eine fachlich versierte medizinische Begleitung, bei der unter anderem regelmäßige HIV-Tests und Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten durchgeführt werden. Darüber hinaus wäre es sinnvoll, für Menschen mit erhöhtem Risiko regelmäßige Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten generell zu übernehmen, auch ohne PrEP und wenn keine Symptome vorliegen. „So können Infektionen erkannt werden, die sonst unbehandelt und übertragbar bleiben. Das kommt allen zugute“, so Winfried Holz.

Text: Paul Schulz/Foto: Shutterstock, photocosmos1