Manchmal braucht es einen schwulen Mann, der schon lange im Geschäft ist, um etwas auszusprechen, was eigentlich alle wissen, das sich aber niemand zu sagen traut. Am Dienstag war dieser Mann Elton John, auf der Welt AIDS Konferenz 2018 in Amsterdam. Der Weltstar war eigentlich vor Ort, um etwas Wunderbares zu verkünden: Die von ihm gegründete Elton John AIDS Foundation (EJAF) wird weiter mit dem U.S. President’s Emergency Plan for AIDS Relief (PEPFAR) zusammenarbeiten und dabei auch in Zukunft ein besonderes Augenmerk auf Osteuropa legen. Eine Million Euro sollen zusammen mit dem niederländischen AIDS-Fonds in den nächsten drei Jahren gesondert in Präventivmaßnahmen für LGBTIQ* investiert werden, immer in Community-Projekte, die nah an und mit den Betroffenen arbeiten. Das ist nur eine Zusatzmaßnahme zu den seit 2016 geplanten und durchgeführten Maßnahmen mit PEPFAR, die jetzt und in Zukunft sogar zehn Millionen für Prävention in der Region verteilen sollen.

Was mehr als notwendig erscheint. Russland ist eins der wenigen Länder auf der Erde, in denen die Anzahl der HIV-Neuinfektionen in den letzten fünfzehn Jahren kontinuierlich angestiegen ist. Von 52.000 im Jahr auf aktuell über 100.000 in den letzten zwölf Monaten. Das heißt, es haben sich allein 2017 mehr Menschen in Russland neu mit HIV infiziert, als derzeit Positive in Deutschland leben. Dabei leben in Russland nicht einmal doppelt so viele Menschen wie in der Bundesrepublik. Die meisten russischen Positiven werden schlecht bis gar nicht medizinisch versorgt, nicht einmal die Hälfte hat Zugang zu HIV-Therapien. Mehrere Tausend Menschen sterben in Russland jedes Jahr an AIDS.

Denn das, worum es hier eigentlich geht, ist Homo- und Transphobie. Die ist die eigentliche Ursache für die steigenden Infektionszahlen in Russland und an vielen anderen Orten auf der Welt.

Die Gründe für diese „politische und gesellschaftliche Katastrophe“, benannte Elton John mehr als deutlich und richtete sich dabei auch und besonders an den russischen Präsidenten Wladimir Putin: „Ich bin es so, so, so leid! Denn das, worum es hier eigentlich geht, ist Homo- und Transphobie. Die ist die eigentliche Ursache für die steigenden Infektionszahlen in Russland und vielen anderen Orten auf der Welt. Es geht um Politiker und Regierungsmitglieder, die Menschen nicht nur nicht selbst helfen, sondern ihnen auch noch Steine in den Weg legen, wenn die versuchen, das selbst zu tun. Diskriminierung gegen LGBTIQ* kostet jedes Jahr zehntausende HIV-Positive Menschen in Osteuropa das Leben! Und das macht mich verdammt nochmal rasend vor Wut! Weil es völlig unnötig und Bullshit ist!“

„Denn es ist doch so: Wenn wir uns alle an einen Tisch setzen würden, wirklich alle, Politik und Pharmaunternehmen eingeschlossen, dann könnten wir die Epidemie in den nächsten fünf bis zehn Jahren beenden. Nicht nur hier in Mitteleuropa, nicht nur in Russland, sondern weltweit. Das wäre inzwischen möglich. Wir haben PrEP und HIV-Therapien, wir wissen wie man sehr erfolgreich Prävention betreibt, wir wissen, wie man Menschen überzeugt und ganze Generationen dazu bringt, sich in den Kampf gegen AIDS einzubringen. Und wir erzielen in Ländern, in denen der gesellschaftliche Fortschritt das gestattet, jedes Jahr gewaltige Fortschritte beim Kampf gegen die Infektion. Wir müssten also in sechs Jahren nicht wieder eine Welt-AIDS-Konferenz veranstalten, gäbe es den politischen Willen, das Ende von AIDS durchzusetzen.“

LGBTIQ* sind Menschen, und sollten auch so behandelt und versorgt werden. Auch Politiker müssen menschlicher werden. Wären sie das, die Epidemie wäre schnell zu Ende.

„Vielleicht sollte ich das alles nicht sagen. Ich mache mich bei einigen Menschen hiermit bestimmt nicht beliebt. Aber, ich mache das jetzt seit über 30 Jahren. Und bin der politischen Hürden und des Stigmas, die mit HIV verbunden sind, so müde. Es ist so frustrierend! LGBTIQ* sind Menschen, und sollten auch so behandelt und versorgt werden. Auch Politiker müssen menschlicher werden. Wären sie das, die Epidemie wäre schnell zu Ende.“

Elton John und Prinz Harry

Gemeinsam mit Prinz Harry, startete Elton John in Amsterdam außerdem eine neue Initiative, die HIV-in Afrika bekämpfen soll. Über den Sohn von Prinzessin Diana sagte John auf der Pressekonferenz: „Er und sein Bruder haben das Herz und das Engagement ihrer Mutter geerbt. Ich kenne Harry, seit er ein kleiner Junge war und freue mich sehr darüber, jetzt so und in diesem Zusammenhang mit ihm arbeiten zu können.“

Text: Paul Schulz, Fotos: Shutterstock/AlbinHillert, The Netherlands, Rob Huibers for AIS.