Als Felix Martin vor fast zwei Jahren positiv getestet wurde, hatte der Jungstar der hessischen Grünen eine schwere Lungenentzündung und war an Aids erkrankt. Anderthalb Jahre später, sitzt er als zweiter offen HIV-positiver Landtagsabgeordneter Deutschlands im hessischen Landtag. Der Finanzpolitiker möchte sich dort auch dafür einsetzen, dass die LGBTIQ*-Community in Hessen finanziell bessergestellt wird. Wir haben ihn auf den Positiven Begegnungen in Stuttgart getroffen.

Du bist das erste Mal bei den Positiven Begegnungen. Wie fühlt sich das an?

Ich finde es erstmal beeindruckend und schön, dass sich hier an einem Wochenende mehr als 400 Leute zusammengefunden haben, und in Workshops zusammenarbeiten, sich Vorträge anhören und sich austauschen. Das alles ehrenamtlich und freiwillig, einfach, weil es ihnen und anderen etwas bringt. Die Veranstaltung macht ihrem Namen schon aus diesem Grund alle Ehre.

Für mich war aber auch klar, dass ich mit anderen über HIV sprechen wollte. Ich kannte keine offen Positiven. Und sich nur im Internet zu informieren reichte mir nicht.

Wann hast Du das erste Mal davon gehört, dass es die Positiven Begegnungen überhaupt gibt?

Vor einem Jahr ungefähr, als ich im Waldschlösschen bei meinem ersten Positiven-Treffen war.

Wie lange warst Du da positiv getestet?

Drei Monate.

Das ist schnell, um in die Community hineinzufinden und HIV auch als Teil von sich selbst anzunehmen, oder?

Vielleicht ist es das. Aber, ich hatte schon da, weil ich zu diesem Zeitpunkt nicht arbeiten konnte, viel Zeit gehabt, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Für mich war aber auch klar, dass ich mit anderen über HIV sprechen wollte. Ich kannte keine offen Positiven. Und sich nur im Internet zu informieren reichte mir nicht. Ich war auch in Kassel und in Göttingen bei den Aids-Hilfen und habe mich da schlau gemacht. Das Attraktive am Waldschlösschen war, dass ich mich dort mit Leuten austauschen konnte, die in einem ähnlichen Alter sind und vielleicht ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Nach dem Treffen zu wissen, „Das sind alles ganz normale, coole Leute, und denen geht es gut.“, hat mir sehr geholfen.

Wovor hattest Du Angst, bevor Du dorthin gefahren bist?

Mein Bild von HIV war, dadurch das ich niemand kannte, auch sehr veraltet. Ich dachte da an Sexarbeiter_Innen, Menschen die Drogen gebrauchen und sowas. Die einzige Person, von der ich wusste, dass sie HIV gehabt hatte, war Freddy Mercury. Und das sagt ja einiges.

Lebte der noch, als du geboren wurdest?

Nein. Aber gerade daran, dass er schon so lange tot war, sieht man: Das Thema war weit, weit weg von mir. Ich konnte mir selbst nicht vorstellen, wer das heute noch bekommen sollte. HIV als Infektion und AIDS als Erkrankung waren mir nicht gegenwärtig. Das hat sich sehr geändert. Ich habe seit meinem Testergebnis viele Menschen kennengelernt, die eine Verbindung zum Thema haben. Der Vater einer guten Freundin ist positiv, seit vielen, vielen Jahren, und war das schon bei ihrer Geburt. Was ich nicht wusste. Und hier auf den Positiven Begegnungen ist auch eine bunte Mischung an Leuten vertreten. Ein Querschnitt der Gesellschaft. Was sehr schön für mich ist. Das Motto „Wir sind überall“ passt.

Wenn wir überall sind, sind wir, mit deiner Person, bald auch im hessischen Landtag?

Wenn es nach mir geht, sind wir da bald, ja. (lächelt)

Du hast aber dann als Landtagsabgeordneter nicht mit Gesundheitspolitik zu tun, oder?

Ich habe mit gar keinem Politikfeld „nichts zu tun“. Du setzt dir ja als Landtagsabgeordneter beim Thema Gesundheitspolitik nicht plötzlich Kopfhörer auf und isst dein zweites Frühstück, nur weil du nicht im entsprechenden Ausschuss sitzt. Ich finde es auch wichtig, bei allen Themen informiert und argumentationsbereit zu sein.

Bist du das beim Thema HIV auch?

Inzwischen ja. Ich komme gut mit meiner Infektion klar und kenne mich aus.

Soweit, dass Du auch anderen helfen kannst?

Ja. Was wir hier gerade machen, kann beispielsweise anderen helfen. Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit für das und mit dem Thema herzustellen, ist etwas, wobei ich gerne helfen möchte. Ich bin ja auch in meinem Beruf und in der Politik als schwuler, HIV-positiver Mann geoutet. Und vielleicht hilft schon das anderen dabei, selbstbewusster mit HIV zu leben. Das wäre schön.

Was hat Dir selbst beim HIV-Coming out geholfen?

Erstmal gab es einige Menschen, die in geschützten Räumen sehr offen mit mir gesprochen haben, mir Ängste und Sorgen genommen haben. Das war wichtig. Aber dann habe ich auch Leute gesehen und getroffen, die aktivistisch und ganz öffentlich arbeiten, und die sehr bewundert. Und diese Menschen sind Vorbilder für mich.

Einer davon ist Carsten Schatz, der erste offen positive Landtagsabgeordnete Deutschlands, der für die Berliner Grünen dort im Stadtparlament sitzt, oder?

Ja. Carsten hat sich gleich nach meinem öffentlichen HIV-Coming-out bei mir gemeldet, mir geschrieben, wie gut er das findet und mir viel Mut gemacht. Dafür war ich dankbar.

Offen zu sein, kann gerade in der Politik auch Nachteile haben. Hast du Angst, dass dir bestimmte Leute, politische Gegner zum Beispiel, aus deiner Infektion irgendwann einen Strick drehen könnten?

Nein. Das ist, glaube ich, auch gar nicht möglich. Weil ich selber so offen mit dem Thema umgehe. Man kann mich damit nicht erpressen.

Gab es vor deiner Kandidatur Sorge deswegen?

Auch nicht. Ich habe das innerparteilich schon sehr früh kommuniziert, mit unserer Landtagsabgeordneten geredet und Menschen, die mit mir arbeiten, noch aus dem Krankenhaus informiert. Am Anfang gab es natürlich viele Fragen und ein gewisses Maß an Sorge. Das konnte ich aber schnell ausräumen. Die Haltung jetzt ist: „Wir machen das zusammen. Und kriegen das hin.“

Gibt es sowas wie ein Endziel deiner politischen Ambitionen? Und wie sieht das aus? Zweiter grüner Finanzminister nach Joschka Fischer?

Wenn ich ein Endziel hätte, würde das ja bedeuten, ich müsste irgendwann aufhören. (lächelt) Jetzt möchte ich erstmal in den Landtag und dort gute Arbeit leisten. Das ist eine schöne und wichtige Aufgabe, auf die ich mich sehr freue.

Interview: Paul Schulz, Fotos: Felix Martin/PR        

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