Martin Reicherts „Die Kapsel: Aids in der Bundesrepublik“ ist der gelungene Versuch zu erklären, warum so viele deutsche Geschichten über HIV bislang nicht erzählt sind. Tolles Buch!

Martin Reichert hat ein wichtiges Buch geschrieben. Weil es eins von wenigen ist, die sich der Geschichte vom Tod und vom (Überleben)Leben Hundertausender schwuler Männer widmen. „Die Kapsel“ erzählt die Geschichte von „Aids in der Bundesrepublik“. Und war dem Autor „ein Bedürfnis“, wie er sagt. „Ich hatte mein Coming-out 1994. Relativ spät. Das hatte auch mit Aids zu tun“, sagt er heute, 24 Jahre später. Und wie das so ist, mit Bedürfnissen, manchmal dauert es eine Weile sie sich zu erfüllen. „Drei Jahre habe ich an ‚Die Kapsel‘ gearbeitet. Ich hatte gedacht, ich könnte das Buch in sechs Monaten neben meiner journalistischen Arbeit fertigstellen. Das erwiess sich schnell als Illusion.“ Was erstmal nicht kein Problem war. Denn nicht nur hatte der Autor mit Suhrkamp einen der wichtigsten deutschen Verlage dazu gebracht, das Buch in Auftrag zu geben, die Lektoren erwiesen sich auch als ungemein geduldig. „Es gab ein intensives Bedürfnis, das richtig und gut zu machen. Bei allen Beteiligten.“ Das, soviel sei gleich gesagt, hat geklappt. Auch wenn Reichert selber zugibt: „Natürlich ist es kein abschließendes Werk. Ich hoffe eher, es ist der Anfang einer Debatte darüber, warum so viele der Geschichten unerzählt sind. Ich hoffe, sie bleiben es nicht. Denn sie sind unsere Geschichte.“

Mit „uns“ sind in diesem Fall wohl vor allem schwule Männer gemeint. Was man dem Buch zum Vorwurf machen könnte. Denn, ja, es stimmt: Andere Infiziertengruppen – Frauen, Menschen die in Knästen leben, Bluter – kommen in „Die Kapsel“ so gut wie nicht vor. Man kann es aber auch als notwendige Verdichtung betrachten. Denn die Geschichte davon, wie mit HIV in der Bundesrepublik umgegangen wurde, ist natürlich auch und vor allem die Geschichte über den Umgang von Politik, Medien und Gesellschaft mit Homosexualität. Nichts hat den öffentlichen Diskurs über das Virus und seine Folgen so geprägt, wie, dass diejenigen, die an ihm starben und heute noch mit ihm leben zu einem Großteil Männer sind, die Sex mit Männern haben.

Durch die Pluralität der Erzählungen wird die Mehrstimmigkeit des zugrunde liegenden Diskurses deutlich

Deswegen sind es auch sie, die Reichert im ersten Teil seines Buches ungefiltert erzählen lässt. Der „Liebe Sünde“-Produzent und Moderator Matthias Frings berichtet davon, wie bei Beiträgen zum Thema regelmäßig Hunderttausende wegschalteten. Verleger Bruno Gmünder auf den vielleicht emotionalsten Seiten des Buches davon, wie er seinen Lebensgefährten Christian von Maltzahn bei dessen Sterben begleitet. Wieland Speck versucht zu erklären, warum sich auch Männer, die schon alles über HIV wussten, was es zu wissen gab, noch infizierten. Martin Dannecker ist sein schlaues, durchleuchtendes Selbst. Journalisten-Kollege Jan Feddersen verbreitet ein paar steile Thesen.
Es ist klug, das Buch über viele Seiten so anzufangen. Denn Reichert schlägt hier gleich ein ganzen Fliegenschwarm mit einer Klappe: Erstens beendet er vielfältig die Sprachlosigkeit zum Thema, die eine der Bedeutungen der titelgebenden Kapsel ist, zweitens wird durch die Pluralität der Erzählungen und ihre reine Chronistenhaftigkeit, die Mehrstimmigkeit des zugrunde liegenden Diskurses deutlich und drittens werden durch die unterschiedlichen Blickwinkel, die hier eröffnet werden, auch die unterschiedlichen Problemstellungen illustriert, vor die HIV und AIDS diejenigen stellten, die gezwungen waren, sich auseinanderzusetzen.

Viele der Berichtenden sind Männer, aber natürlich kann man die Geschichte von HIV in Deutschland, und der Welt, nicht ohne Rita Süssmuth erzählen. Die durch ihre Offenheit und den zugehenden Umgang auf Menschen, die sich in der Selbsthilfe organisiert hatten die Grundlage für die nach wie vor erfolgreichste HIV-Politik der Welt, die deutsche, zu legen. Ihr „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Kranken.“ Ist, in seiner ganzen Schlichtheit, der wichtigste Satz, der über den Umgang der Politik mit HIV in Deutschland je gesagt worden ist.

Süssmuth zieht in ihren Interviewpassagen in „Die Kapsel“ Parallelen zum Hier und Jetzt und zur Flüchtlingskrise

Das ist lange her. Süssmuth hat inzwischen einen noch klareren Blick auf die Verhältnisse. Was ihr gestattet in ihren Interviewpassagen in „Die Kapsel“ Parallelen zum Hier und Jetzt und zur Flüchtlingskrise zu ziehen. Ihre Fähigkeit mit über Achtzig den Überblick zu haben und verschiedene Krisen und Sprachlosigkeiten miteinander in Beziehung zu setzen und in ihren Qualitäten zu vergleichen, ist ein uneingeschränkter Gewinn für Reicherts Buch und alle seine Leser.

Der letzte Abschnitt von die Kapsel kommt, nach Diskursen über aktuelle Entwicklungen wie PrEP und SDT und einem mehr als spannenden Teil zum medizinischen Fortschritt, bei dem an, was das Buch auch ist: lebende Erinnerungskultur. Die lebt in „Die Kapsel“ dort, wo sich viele Menschen an ihre Toten erinnern: auf dem Friedhof. Der auf den Reichert sich begibt, ist der St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin, auf dem vielen der an den Folgen von Aids Verstorbenen sich beerdigen ließen. Was man heute noch sehen kann, denn ihre An- oder Abwesenheit prägt das Bild der letzten Ruhe, das alle alle Besucher hier sehen können. Da liegen schwule Paare oder Freundeskreise in gemeinsamen Grabstätten, die anders aussehen, als Gräber das in Deutschland oft tun. Und wer mehr über diejenigen wissen will, die da liegen, fragt einfach eine Tunte, die einmal die Woche, über den Friedhof führt. Oder er liest „Die Kapsel“, aus dem man viel über die Toten und die Lebenden lernen kann.

Martin Reichert: „Die Kapsel: Aids in der Bundesrepublik“. Suhrkamp Verlag, 271 Seiten, 25 Euro.