Rory O’Neill ist der vielleicht berühmteste Ire der Welt. Oder besser gesagt, sein Drag Alter-Ego Panti Bliss. Ihr TED-Talk zum Thema Homophobie ist eines der meistgesehenen YouTube-Videos überhaupt und Panti und ihre öffentliche Präsenz gelten vielen als einer der entscheidenden Faktoren dafür, dass die Iren mit großer Mehrheit für die Öffnung der Ehe stimmten. 2007 eröffnete sie Dublins bekannteste LGBTIQ*-Location, die „Pantibar“. „The Queen of Ireland“, ein biografischer Dokumentarfilm über O’Neill Leben als Panty, war 2015 ein großer Kritiker- und Publikumserfolg. O’Neill ist seit vielen Jahren offen HIV-positiv. Wir haben Panti anlässlich der Welt-AIDS-Konferenz in Amsterdam getroffen. 

 

Wann wurdest Du HIV-positiv getestet?

  1. Also in der Steinzeit (lächelt).

War das ein Schock?

Nicht wirklich. Ich war jedenfalls nicht furchtbar überrascht. Du wirst dich erinnern: Wir hatten ja damals alle das Gefühl, es könne jeden von uns treffen, jederzeit.

Hast du danach angefangen, dich über HIV zu informieren?

Ich war schon vorher relativ gut informiert. Aber habe dann natürlich begonnen ALLES was ich zum Thema finden konnte zu lesen. Der Ansatz war sehr pragmatisch: Ich wollte verstehen, was mit mir passiert, welche Medikamente ich warum nehme, was jede der vielen Pillen, die ich einwarf, mit meinem Körper machte. Meine Tage wurden von HIV bestimmt. Nicht nur, weil mein Medikamentenplan meinen Tag aufteilte, sondern weil ich ständig beim Arzt war und oft krank.

Wann änderte sich das?

Als ich begann eine Kombinationstherapie zu nehmen. Das war schon ein ziemliches Wunder für mich. Nicht nur, war und ist es eben eine Pille am Tag und das war‘s, statt der 20, wie am Anfang, auch Nebenwirkungen habe ich keine. Jedenfalls nicht mehr. Meine erste Kombitherapie führte dazu, dass mir nach ihrer Einnahme für einige Stunden mein Gleichgewichtssinn verloren ging. Also habe ich mich nachts, wenn ich aufs Klo musste, immer an der Wand lang getastet. Das ging vier Jahre so. Ich dachte, das muss so. Und war ja aus meinen Anfangsjahren ganz andere Nebenwirkungen gewohnt. Aber als ich das meinem Arzt irgendwann nebenbei erzählte, sagte der nur: „Sag doch was! Das muss doch nicht sein!“ Wir haben dann mein Medikament ausgewechselt und alle Nebenwirkungen verschwanden.

Würdest du dich als gut informierten Patienten bezeichnen?

Schon, ja. Allerdings heutzutage weniger als in den Neunzigern. Damals wusste ich oft mehr als die Ärzte, von denen ich behandelt wurde. Weil ich medizinische Fachzeitschriften las und über jede neue Entwicklung informiert war. Heutzutage weiß ich sicher noch viel, aber vertraue meinem Arzt vollständig und lasse mich von ihm informieren. Da die Therapie meinen Alltag nicht mehr bestimmt, ist auch mein Bedürfnis, mich damit zu beschäftigen, zurückgegangen. Mir geht es schon lange wieder sehr gut und ich muss das nicht mehr ständig hinterfragen. Natürlich möchte ich weiter gut informiert und in alle Entscheidungen meine Therapie betreffend eingebunden werden, aber ich muss nicht mehr jedes winzige Detail über jeden neuen Forschungsansatz wissen und verstehen.

Du bist also zufrieden mit dem, was du hast?

Irgendwie schon, ja. Versteh mich nicht falsch: Wenn es eine Heilung gibt, will ich sie sofort haben. Aber bis dahin werde ich weiter das Gefühl haben, aus rein medizinischer Sicht, mit meinem Diagnosezeitpunkt echt Glück gehabt zu haben.

Wie meinst Du das?

1995 war ich noch auf AIDS-Beerdigungen gewesen.  Ab 1996/97 wurde vieles besser und es gab schnell echte medizinische Fortschritte. Und heute ist HIV eigentlich kein alltägliches Thema mehr für mich. Ich vergleiche meine Infektion gern mit meinem einzigen Tattoo. Das habe ich mir Anfang der 90er in einer betrunkenen Nacht mal in einem von den damals zwei Tattoo-Studios in Dublin stechen lassen. Lange bevor es cool war, sich tätowieren zu lassen. Gott sei Dank ist es auf meinem Rücken, denn es ist ein hässliches kleines Ding. Und so muss ich es eben nicht jeden Tag sehen. Was aber dazu führt, dass ich oft vergesse, dass ich es habe, bis jemand es erwähnt, weil ich am Strand bin oder mit jemandem im Bett. Ich stutze dann für den Bruchteil einer Sekunde und denke: „Stimmt, du hast ein Tattoo.“ So ähnlich ist es mit meiner HIV-Infektion auch. (lacht) Es ist zu einem sehr, sehr kleinen, fast unwichtigen Teil meines Lebens geworden.

Ist es denn für andere noch wichtig?

In Irland kennt mich fast jeder und weiß also auch, dass ich positiv bin, deswegen spielt es zuhause keinerlei Rolle. Allerdings date ich hauptsächlich Männer, die eben nicht irisch sind. Und da muss es dann eben ab und zu doch noch gesagt werden. Das nervt.

Wegen der Reaktionen?

Ja, bei einigen. Viele sind heutzutage cool, wissen über U=U Bescheid und haben kein Problem. Aber einige schon. Und, dass ich dieses Coming-out, oder diese Diskussion eben jedes Mal haben muss, ist nicht schön.

Kann man das vermeiden?

Klar, ich habe oft Sex oder bin in Beziehungen mit Menschen, die auch positiv sind. Problem gelöst.

Du bist fast 50. Hast du, als du deine Diagnose bekommen hast, je gedacht, dass du mal fast 50 sein würdest?

Nein. Ich dachte „Zehn Jahre, wenn Du Glück hast. Und das war’s dann.“ Ich habe damals auch aufgehört, mich um meine Rentenansprüche zu kümmern, oder meine Steuerklärungen zu machen. Was mir ein paar Jahre später ein bisschen auf die Füße gefallen ist. Worüber ich mich nicht mal beschweren kann, weil es doch eigentlich schön ist, dass ich mit HIV älter werden kann und dabei eben auch meine Steuerklärung machen muss.

Du wirst von vielen als eine der Hauptursachen dafür gesehen, dass das Referendum zur Eheöffnung in Irland so unglaublich positiv ausgegangen ist. Gab es auch Leute, die gesagt haben: „Ich will mir aber nicht von einer HIV-positiven Dragqueen erklären lassen, warum Gleichstellung im Eherecht eine gute Idee ist“?

Nein. Und es wird noch besser: Jedes Mal, wenn in Irland die Präsidentschaftswahl ansteht, werde ich gefragt, ob ich nicht kandidieren möchte. Und einige Menschen sagen, ich hätte gute Chancen. Aber noch will ich das nicht.

Noch?

Es geht dabei ja auch viel um Repräsentationspflichten. Und das ist ein Job für jemanden, der älter ist als ich. Vielleicht also in ein paar Jahren.

Wie praktisch: Du könntest Präsident und First Lady in einer Person sein.

Und nicht nur das: Ich sehe auf Fotos auch fabelhaft aus und kann wirklich gute Reden halten. Was will man mehr? (lacht)

Interview: Paul Schulz, Foto: Helen Sloan („The Queen of Ireland“)

„The Queen of Ireland“ ist auf DVD bei vielen Onlineanbietern erhältlich, genau wie O’Neills Autobiografie „A Woman in the Making“

pantibar.com