Anfang Dezember wurde Marcel Danner zum neuen „Mister Gay Germany“ gewählt. Der 30-Jährige holte den Titel nicht nur, weil er gut aussieht und sein Instagram-Account karussellfahrt_ über 50.000 Abonnenten hat, er hat mit seiner Kampagne #Blutsbruder auch ein klares gesellschaftliches Anliegen. 2019 will er Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur Abschaffung der Diskriminierung schwuler Männer bei der Blutspende bewegen. Grund genug für ein M+-Gespräch über absurde Sonderbehandlungen und Blutabnehmen als Happening

 

Marcel, du hast mit deiner #Blutsbruder-Kampagne offenbar einen Nerv getroffen, oder?

Stimmt, ich hab von Anfang an viel positives und interessantes Feedback zur Kampagne bekommen. Nicht nur im Rahmen von Mister Gay Germany, auch bei Instagram. Das hat mich sehr gefreut, weil ich nicht sicher war, ob das funktioniert. Ich mache Instagram jetzt seit knapp drei Jahren. Bis zu den Mister-Gay-Germany-Wahlen war karussellfahrt_ ein reiner Selfie-Kanal, wo ich nie politische Sachen gepostet hab. Wenn ich auf einer Demo gegen die AfD war, gab’s davon sicher mal ein Bild, aber ich hab mich nie getraut, konkrete Statements abzugeben, sondern sie immer nur bei anderen geliked. Mit der #Blutsbruder-Kampagne bin ich zum ersten Mal vom reinen Selfie-Kanal zu einer Message übergegangen. Beim ersten Post zu dem Thema war ich megaaufgeregt. Es hätte ja sein können, dass Kommentare von der Sorte kommen: „Wir wollen nicht deine Message, wir wollen dein Gesicht.“ Aber so war’s nicht. Die Kampagne kam sehr gut an. Nicht nur in Deutschland, auch international.

Was kamen denn für Reaktionen?

Dadurch, dass ich mit #Blutsbruder öffentlich kritisiere, dass Schwule in Deutschland de facto von der Blutspende ausgeschlossen sind, sehen Leute in mir einen Ansprechpartner zu dem Thema. Vielen Schwulen scheine ich aus der Seele zu sprechen. Aus den USA kam mehrfach „Fuck, same conditions here in the US“, aus Frankreich schrieben schwule Follower, die bei der Blutspende weggescheucht und als Schmarotzer beschimpft wurden, die nur einen kostenlosen HIV-Test machen wollen. In Deutschland erzählte mir ein Freund, dass er beim Blutspenden herausgefunden hat, dass er HIV-positiv ist. Davon hatte ich vor dem Start der Kampagne gar nichts gewusst. Es melden sich auch Aktivisten, die gemeinsame Aktionen machen wollen. Neulich schrieben zwei schwule Männer aus Rostock, die schon in Kontakt mit der Bundesärztekammer waren. Auch mit einem jungen Mann vom Bündnis gegen Homophobie aus Mannheim bin ich in Kontakt. Ich fühle mich in der Sache also sehr unterstützt. Das ist ermutigend. Es geht mir ja nicht darum, der große Frontmann zu sein, nur weil ich Mister Gay Germany bin, sondern eher darum, sich im Kampf gegen die absurden Sonderbehandlungen von Schwulen beim Blutspenden zusammenzuschließen und ein Kollektiv zu gründen.

Kannst du die absurden Sonderbehandlungen kurz umreißen?

Es geht mit der Tatsache los, dass MSM (Männer, die Sex mit Männern haben, Anm. d. Red.) in Deutschland bis 2017 generell und lebenslang nicht Blut spenden durften, weil sie eine Risikogruppe für Infektionskrankheiten wie HIV darstellen. Wenn ich das Leuten aus dem Ausland erzähle, glauben die mir das oft gar nicht. Dann erzähle ich denen, dass die Bundesärztekammer das Verbot erst im August 2017 gekippt hat, indem sie ihre Richtlinien geändert hat. Seitdem dürfen MSM zwar Blut spenden, aber nur, wenn sie vorher zwölf Monate, also ein komplettes Jahr, keinen Sex mit einem anderen Mann hatten. Damit stehen MSM auf einer Stufe mit Heteros, die ein sexuelles Risikoverhalten haben. Warum wird bei den Rückstellungsfristen also nicht gleich nach dem Risikoverhalten geurteilt, statt pauschal einer kompletten Bevölkerungsgruppe wegen ihrer sexuellen Orientierung ein erhöhtes Risikoverhalten zu unterstellen?

Die Bundesärztekammer rechtfertigt es mit der Sicherheit von Blutkonserven und der Tatsache, dass die Mehrheit der HIV-Neuinfektionen in Deutschland unter MSM stattfinden, oder?

Bei mir sind vor allem zwei Punkte hängengeblieben. Erstens: Schwule Männer sind eine Risikogruppe. Zweitens: Schwule machen in Deutschland nur 3 bis 4 Prozent der Bevölkerung aus, deswegen kann man bei der Blutspende auch auf sie verzichten. Das wurde alles etwas vornehmer ausgedrückt, aber das sind zwei Grundaussagen, die ich gehört habe. Mein Standpunkt dazu ist: Schwule Männer mögen eine Risikogruppe sein, aber sie haben nicht alle das gleiche Sexualverhalten. Deshalb ist meine Forderung, dass der Fragebogen bei der Blutspende nicht mehr auf die sexuelle Orientierung abzielt, sondern auf das sexuelle Verhalten. In Spanien ist das längst so. Da wird gefragt, wie und wie oft man Sex hat und ob er safe oder unsafe ist. Wenn jemand innerhalb der letzten drei Monate ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte, dürfen weder Frau, noch Mann, noch Lesben, noch Schwule, noch Transgender, noch Heteros spenden. Es werden alle gleich behandelt. Außerdem ist die Rückstellungsfrist von drei Monaten viel realistischer und sinnvoller. Meines Wissens liefern moderne HIV-Tests ja schon nach sechs Wochen ein sicheres Ergebnis.

Deine Motivation, dich gegen die Diskriminierung von Schwulen bei der Blutspende zu engagieren hat sehr persönliche Hintergründe. Erzähl mal, wie es dazu kam.

Mein Vater ist großer Blutspender. Als er beim Bund war, hat er herausgefunden, dass seine Blutgruppe 0 Rhesus-negativ ist. Das ist die seltenste Kategorie, aber nach Spenderkriterien auch die beste. Leute mit dieser Blutgruppe gelten als Universalspender, weil jeder Empfänger, unabhängig von seiner Blutgruppe, 0 Rhesus-negatives Blut bekommen kann. Umgekehrt kann ein 0 Rhesus-Negativer aber nur Blutspenden aus seiner eigenen Blutgruppe empfangen. Bis ich 18 war, war in unserer Familie immer die Frage, ob ich auch diese seltene Blutgruppe habe. Als mich mein Vater dann das erste Mal mit zur Spende genommen hat, stellte sich heraus, dass das der Fall war. Ich war ganz stolz, als ich meinen ersten Spenderausweis bekam. Danach war ich regelmäßig spenden. In dem Dorf in Baden-Württemberg, in dem ich aufgewachsen bin, war zum Beispiel das Weihnachts-Blutspenden ein festes Ritual. Man ging hin, traf Leute aus der Gegend und nach Blutabnehmen und Ruhezeit gab’s für alle Spender Schnitzel – mein Lieblingsessen. Ich hab sogar mal eine Medaille bekommen, weil ich die schnellste Blutspende hatte. Ich war halt immer sportlich, man fand meine Venen gut, das Blut ging zack, zack raus. Für mich war das alles immer ein richtiges Happening.

Aber dann kam dein Coming-out …

Genau. Als ich mich mit 20 vor meinen Eltern geoutet habe, hab ich schon in Wiesbaden gewohnt und studiert. Aber zu Weihnachten war ich zu Hause, da hab ich ihnen gesagt, dass ich schwul bin. Ein paar Tage später gingen wir wie immer zum Weihnachtsblutspenden. Als ich dort den obligatorischen Fragebogen ausfüllte, las ich die Fragen zum ersten Mal richtig. Mit 18 hatte ich über Punkte wie „Drogen“, „Prostitution“, „MSM-Sex“ einfach drüber weggelesen. Das hatte alles nichts mit mir nichts zu tun. Aber jetzt saß ich auf einmal da, kurz nach meinem Coming-out in der Familie, und sollte ankreuzen, ob ich Sex mit Männern hatte? Ich hab noch zu meinem Vater gesagt „Ich soll da jetzt ein Kreuz machen“ und er meinte „Nee, mach keins, sonst darfst du nicht spenden“. Aber ich war frisch geoutet. Ich war stolz geoutet zu sein. Ich konnte da nicht kein Kreuz machen. Also hab ich eins gemacht. Mir wurde dann trotzdem Blut abgenommen. Aber es kam nicht auf die gleiche Trage wie die Blutspende von meinem Vater, sondern wurde nach links geschoben und mit einem roten Aufkleber versehen. Ich hab zu meinem Vater gesagt „Fuck, die machen das wirklich“. Vorher hatte ich nicht daran geglaubt. Wahrscheinlich haben sie meinen Zettel erst gecheckt, nachdem ich schon gespendet hatte, sonst hätten sie mich vielleicht schon vorher rausgewunken. Irgendwie fand ich das schon traurig. Dieses gelabelt werden mit einem roten Aufkleber. Damit war ich raus. Seitdem war ich nie wieder Blut spenden.

Hast du über diese Erfahrung mit Freunden gesprochen?

Ja, das war öfters Thema. Nicht alle meine Freunde sind Blutspender, aber manche. Ein Freund im Studium ging für Geld im Krankenhaus spenden. Der meinte immer: „Gib halt an, dass du hetero bist, merkt doch keiner. Du gehst doch regelmäßig zu deinem HIV-Test und weißt über deinen Status Bescheid. Du hilfst doch mit deinem Blut.“  Aber irgendwie konnte ich das nicht. Einmal war ich schon auf dem Weg in die Mainzer Uni-Klinik, um zu spenden, bin aber auf halbem Weg umgekehrt. „Ich bin jetzt schwul, verdammt, und das ist auch gut so“, hab ich gedacht. Das klingt jetzt so blöd, aber mir war das wichtig.

Und jetzt bist du Mister Gay Germany und willst mit deiner #Blutsbruder-Kampagne zum Bundesgesundheitsministerium …

Genau, das ist das große Ziel für 2019: Jens Spahn unsere Petition übergeben. Bis es soweit ist, geht es mir aber erstmal um Aufklärung über den Missstand. Ich sehe meine Aufgabe darin, das Thema anzusprechen und dafür zu sorgen, dass darüber geredet wird. Der zweite Schritt – Veränderung zu bewirken – kommt danach. Als Mister Gay Germany kann ich vielleicht ein bisschen Druck ausüben, weil ich eine Öffentlichkeit habe – durch Medien, durch meine eigenen Kanäle, durch Ansprachen auf CSDs. Ich muss mir noch überlegen, wie man das Unterschreiben der Petition zum Happening machen kann.

Die Petition, von der Du sprichst, läuft bei change.org und heißt „Homosexuelle & Bi Männer müssen #Blutspenden dürfen!“ und wurde nicht von Dir, sondern von dem Gesundheitspfleger Daniel Zimmermann initiiert. Wie habt Ihr zusammengefunden?

Bei der Recherche für #blutsbruder bin ich über einen Artikel zum Thema auf Daniels Petition gestoßen. Ich hab erst mal unterschrieben und dann bei Facebook alle Daniel Zimmermanns durchgeforstet, bis ich den richtigen gefunden hatte. Danach haben wir geschrieben, telefoniert und er hat mir erklärt, wie so eine Petition funktioniert und dass man 50.000 Unterzeichner braucht, damit man’s überhaupt bei der Bundeärztekammer einreichen kann. Die Mister-Gay-Germany-Jury hat mich als erstes gefragt, warum ich nicht meine eigene Petition starte. Aber es wäre doch blödsinnig und dumm, wenn ich mein eigenes Ding mache, während Daniel parallel zum gleichen Thema Unterschriften sammelt. Wie gesagt: Mir geht es nicht in erster Linie darum, #Blutsbruder groß zu machen, sondern darum, dass sich etwas ändert.

Interview: Christian Lütjens

INFOS

MARCEL, 30, wuchs in Baden-Württemberg auf. Er studierte Kunst- und Medienmanagement in Wiesbaden und Berlin. Seit 2016 begeistert er mit seinem Instagram-Account karussellfahrt_ Follower in aller Welt. Trotz über 50.000 Abonnenten sieht er sich nicht als Influencer, weil karussellfahrt_ unabhängig ist und ohne Sponsoren und Kooperationspartner funktioniert. „Instagram ist ein Hobby“, sagt er. „Meinen richtigen Job hab ich bei einem Kinounternehmen, wo ich in der kulturellen Bildung arbeite, weil mir das Spaß macht und weil ich es studiert habe.“ Im Dezember 2018 holte Marcel beim Mister-Gay-Germany-Finale in Köln den Titel. Er lebt in Berlin.

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